Auch Schiffe weinen

CEMIL KAVUKCU:

 

Auch Schiffe weinen   © - ALLE RECHTE VORBEHALTEN

Das bekannte Gesicht einer fremden Stadt

Im Maschinenraum ertönte die Klingel, als wollte sie sagen: „Das reicht mir!“ Danach streikte das Haupttriebwerk. Die Bestie, die seit Tagen eintönig ihr Weh klagte, schwieg. Die Kette lockerte sich knarrend, drei Schläge auf die Glocke und drei Kettenschäkel wurden heruntergelassen. Das Geräusch der Kette, die sich erneut lockerte, war zu hören, ebenso ein Glockenschlag. Ich richtete mich in meiner Koje auf und blickte durch das Bullauge hinaus. Wir ankerten etwa eine Seemeile vor einer Stadt, deren Lichter in dieser Winternacht eisig blinzelten.
„Wo sind wir?“, fragte Ibrahim.
„Ich weiß es nicht“, antwortete ich und schaute weiterhin durch das Bullauge. „Es sieht nach einer Kleinstadt aus.“
Auch Ibrahim richtete sich in seiner Koje auf. Von den Knien abwärts schienen seine Beine nicht ihm zu gehören – sie baumelten herunter. Im schwachen Licht der Kajüte sah er aus wie ein riesiges Kind. Er rieb sich die Augen.
„Konntest du schlafen?“
„Ach was!“, rief er. „Ich habe zwar meine Augen geschlossen, aber es hat derartig geschaukelt…“
Aus der Tasche seines karierten Hemdes, das er seit Tagen nicht ausgezogen hatte und in dem er auch schlief, nahm er ein Päckchen Zigaretten heraus.
„Ich habe auch nicht geschlafen. Da wir vor Anker liegen, heißt das wohl, dass Beybaba Angst vom Meer bekommen hat. Das war ja auch nicht gerade lustig, eine Windstärke von mindestens sechs Knoten, oder?“
Im Licht des Feuerzeugs erhellte sich Ibrahims Gesicht ein wenig. Es war zu erkennen, dass er sehr müde war. Dann zog er kräftig an seiner Zigarette.
„Beybaba ist ein Pirat. Ihn beeindruckt ein solcher Wellengang doch gar nicht. Du bist noch neu auf diesem Schiff. Was glaubst du, was wir schon alles durchgemacht haben?“ Er schüttelte sich, sagte durch die Nase „hü“ dann lächelte er. „Es ist sicher etwas anderes passiert.“
Ich kapierte nicht, wem dieses Lächeln galt: ob Beybaba, dem angeblichen Piraten, dem Grund, weshalb wir vor Anker gegangen waren oder etwas anderem. Aber es war offensichtlich, dass wie diese Nacht vor dieser kleinen Stadt verbringen würden. Ich blickte auf die Uhr; es war 21.00. Ich legte mich wieder hin.
Vor drei Tagen erst waren wir ausgelaufen, aber mir kamen die wie drei Jahre vor.
Von draußen drangen die Geräusche von Türen herein, die auf- und zugemacht wurden, auch Schritte und Gesprächsfetzen. Es gab eine ungewohnte Geschäftigkeit an Bord. Vor einer Stunde seufzte und krächzte das Kiel des alten Trogs noch und bahnte sich auf dem aufgebrachten Meer rauf und runter wogend den Weg. Doch jetzt hüllte er sich in Todesstille. Plötzlich war die Stimme des ersten Maschinisten zu hören. Er rief etwas, aber ich verstand nicht, um was es ging.
„Es gibt wohl Probleme mit dem Triebwerk“, sagte ich.
Ibrahim lachte und schüttelte den Kopf. „Zum wievielten Mal?! Das ist eher das Problem des Maschinisten“, erwiderte er. „Wir haben ja Anker geworfen, also sind wir in Sicherheit.“
„Dann sind wir wohl bis zum Morgen hier.“
„Bis zum Morgen? Wir werden hier wahrscheinlich Tage herumlungern. Falls nicht, will ich nicht mehr Ibrahim heißen.“
„Was soll denn dieser Lärm da draußen?“
Er brummte etwas vor sich hin. Ich habe es nicht verstanden, aber mit großer Wahrscheinlichkeit hatte er geflucht.
„Was?“, fragte ich erneut.
„Die bereiten die Boote vor, um an Land zu gehen. Du kennst den ersten Maschinisten nicht.“
„Was heißt das denn?“
„Wenn er sich etwas in den Kopf gesetzt hat... Maschinen Stopp! sagt er dann, und wir können warten, bis es wieder Lust hat, weiter zu fahren.“
„Ich verstehe das nicht“, sagte ich.
„Du wirst das verstehen müssen“, brummte er. „Du bist noch jung. Dem Dreckskerl sind entweder die Knabbereien ausgegangen, er hat Lust auf festen Boden unter den Füßen, oder aber er will angeln.“
„Ankern wir also nur zum Spaß?“
Er drückte seine Augen zu und warf den Kopf verneinend nach hinten. Das war das Zeichen dafür, dass er sich sicher war.
Das war eine gute Gelegenheit, auch von Bord zu gehen. Wir alle waren dafür bereit. Wir könnten in einer Kneipe auf dem Festland sitzen und uns schnell betrinken. Die eine Hälfte der Mannschaft würde vorher in eine Telefonzelle gehen, der Rest danach: sie würden ihre Ehefrauen, Kinder, Geliebte oder wen auch immer anrufen und allen das Gleiche erzählen. Dann würden sie nach Frauen suchen, an den einschlägigen Stellen und nach den Zuhältern, um den Preis auszuhandeln (ein erfahrener Seemann erkennt sie auf den ersten Blick). Danach würden sie Zigaretten, Alkohol, Kaugummi, Bonbons und Kekse kaufen. Die Kerle würden sich wie Kinder benehmen und dann auf das Schiff zurückkehren – auf den schwimmenden Knast.
Ich stand auf und schaute in den Spiegel, dessen Belag stellenweise abgeblättert war. Seit einer Woche hatte ich mich nicht rasiert. Ich kraulte mein Kinn. Meine Augen waren eingefallen. Aus dem Spiegel blickte ich zu Ibrahim. Er hatte seine Zigarette zu Ende geraucht, sich wieder hingelegt und starrte auf die Decke der Kajüte. Ich hatte keine Lust mich zu rasieren; mein Spiegelbild grinste mich schief an. Diejenigen, die an Land wollten, rasierten sich jetzt und brachten ihr Haar mit Gelee in Form. Die Nasen- und Ohrenhaare wurden mit einer Schere gestutzt, unter die Arme sprühten sie sich einen betörenden Duft. Viele Frauen dieser Stadt (die offiziellen und nichtoffiziellen Nutten, abenteuerlustige junge Mädchen, Romantikerinnen, unglückliche Hausfrauen…) warteten schon auf sie. Warum sollte den Seeleuten jener unerwartete, glückliche Zufall nicht ausgerechnet hier begegnen? Man musste immer bereit sein, denn die Liebe sagte nicht Bescheid, wann, wie und wo sie die Herzen berührte.
Ich wollte doch nicht an Land. Zwar könnte ich einen Nachschub an Zigaretten und Alkohol brauchen, aber ich würde jemanden bitten, mir beides zu besorgen. Ibrahim ging auch nicht an Land. Er sprach kaum, trankt viel, war aber auch nicht hinter den Frauen her. Er hatte wahrscheinlich noch nie mit jemandem Krach gehabt. Seine Sorgen reichten ihm auch so, sagte er.
Ein Geräusch war zu hören, das verriet, dass das Beiboot von der Kette zu Wasser gelassen wurde. Jemand klopfte an die Tür, der Zimmerdiener Mustafa öffnete sie. Sein Gesicht war wie immer feuerrot, auf seiner Stirn perlte Schweiß.
„Das Beiboot ist in zehn Minuten startklar. Wenn ihr mitkommen wollt, dann beeilt euch!“
„Ist etwas passiert?“, fragte ich.
Er zog nur die Schultern hoch. „Weiß ich nicht. Es gibt wohl ein Problem mit dem Haupttriebwerk.“ Er lachte abgestumpft, als würde ihn das Problem nichts angehen. „Kommt ihr?“, fragte er dann.
„Ich weiß nicht“, erwiderte ich und kratzte mein unrasiertes Kinn. „Sollen wir mitgehen?“
„Komm’ Abi! Kommt aus eurer Höhle raus.“
„Wenn Ibrahim mitgeht, gehe ich auch mit“, sagte ich dann.
Ibrahim schüttelte so entschlossen den Kopf, dass ich begriff, dass ihn keine zehn Pferde würden vom Schiff bringen. In diesem Augenblick überkam mich ein großes Verlangen, doch hinauszugehen und ich wusste nicht, was dabei ausschlaggebend war: Ibrahims Weigerung, oder weil Mustafa noch immer in der Tür stand und auf unsere Entscheidung wartete?
„Los“, ermunterte ich Ibrahim. „Zieh dich an, wir gehen!“
„Ach was“, erwiderte er, „lass’ mich in Ruhe!“
„Lass’ gut sein. Wir gehen in die Stadt, spazieren herum, kaufen Getränke und Zigaretten, und trinken irgendwo ein Bier. Es wird eine Abwechslung sein…“, sagte ich.
„Das Wetter ist schlecht.“
„Ist doch egal! Wir haben doch nichts mit dem Wetter zu tun.“
Er lachte, drückte seine Zigarette aus und spannte seinen Körper und seine Arme, um zu gähnen.
„Wo sind wir eigentlich?“, fragte er dann.
„Ich weiß es nicht“, antwortete ich. „Es ist mindestens vier Stunden her, dass ich Wachdienst hatte. Als das Meer verrückt spielte, sind wir vom Kurs abgekommen. Was hat es denn für eine Bedeutung, wo wir sind? Wir sind halt irgendwo!“
„Bravo!“, mischte sich Mustafa ein. Er stand noch immer in der Tür.
„Schon gut, wir kommen!“, sagte ich ihm.
Wir rasierten uns beide nicht, hatten auch keine Lust, lange zu überlegen, was wir anziehen sollten. Es genügte, unsere Gummistiefel und unsere Regenmäntel anzuziehen.
Wir gingen auf die Reling. Der Wind peitschte über das Meer und wehte uns den Regen ins Gesicht. Ibrahim blieb stehen:
„Ich komme doch nicht mit.“
Ich zog ihn am Arm: „Komm’, du wirst es nicht bereuen.“
Diejenigen, die an Land wollten, saßen schon im Beiboot und winkten uns zu: „Los! Wenn ihr mitkommen wollt, dann schnell.“
Ibrahim folgte mir wie ein braver Junge. Idris ließ das Boot wassern. Acht schweigende Gestalten mit übers Gesicht gezogenen Kapuzen machten sich auf zum Landgang. Die winzigen, aber scharfen Regentropfen prasselten auf unsere Regenmäntel. Der Maschinist saß mit vorgebeugtem Kopf da, seine Hände (seine riesigen Hände) in seinem Schoß übereinander gelegt, als würde er sie betrachten. Niemand außer Ibrahim rauchte. Während wir auf die Lichter des fremden Ortes zufuhren, redeten wir kein Wort.
Idris legte das Boot sehr gekonnt an. Der Maschinist blickte auf seine Uhr: „Jetzt ist es zehn Uhr. Anderthalb Stunden müssen uns reichen. Seid um halb zwölf wieder hier“, befahl er.
Die Männer eilten in alle Himmelsrichtungen davon. Ibrahim und ich gingen zusammen über einen kleinen Platz, der auf beiden Seiten von Frikadellenbuden, Kiosken, Cafés und zwei Bierschänken gesäumt war. Auch jetzt sprachen wir kein Wort miteinander. Alle drei Telefonzellen waren besetzt; drei Männer in gelben Regenmänteln telefonierten. Weder Ibrahim noch ich verspürten Lust aufs Telefonieren. Er wirkte bedrückt, aber ich traute mich nicht, ihn nach dem Grund zu fragen. Vielleicht würde er mir von selbst erzählen, was ihn belastete. Wir waren wohl auf der belebtesten Straße der Stadt gelangt, aber die meisten Geschäfte hatten schon geschlossen. Die Lichter der Schaufenster schienen unsere Einsamkeit und Fremdheit zu intensivieren. Außer uns gab es nur ein paar Leute auf der Straße; sie liefen mit ihren Regenschirmen eilig an uns vorbei. Sicher eilten sie nach Hause, in ihre geordneten Verhältnisse, zu ihren Frauen und Kindern… – zu ihren Sorgen. Und wohin liefen wir?
„Es gibt hier nichts Interessantes zu sehen“, sagte ich. „Wollen wir zurückkehren?“
„Laufen wir noch etwas“, bat er.
An der Kreuzung blieben wir stehen. Ibrahim betrachtete sich die Gegend aufmerksam.
„Suchst du eine bestimmte Stelle?“, fragte ich.
„Nein, tue ich nicht. Gehen wir zurück.“
Er wirkte angespannt. Um die bleierne Atmosphäre etwas zu lockern, bemerkte ich: „Es ist doch nicht so, wie es vom Schiff aus ausgesehen hat. Es ist eine blöde Stadt. Wie die Lichter einen täuschen können. Ich könnte an einem solchen Ort nicht leben.“
„Setzen wir uns in ein Lokal“, sagte Ibrahim, „ich möchte ein Bier trinken.“
Wir kehrten auf den kleinen Platz in der Nähe unseres Landungsplatzes zurück und entschieden uns für die Kneipe „Zum Jäger“. Eigentlich entschieden wir uns gar nicht, sondern liefen geradewegs drauf zu, ohne ein Wort darüber zu verlieren. Der Zimmerdiener Mustafa und Idris waren auch dort. Sie luden uns an ihren Tisch ein, doch Ibrahim machte ihnen höflich klar, dass er sich lieber woanders hinsetzen wollte.
„Bier und Knabberzeug“, sagte ich dem alten Kellner, der fremde Gäste gewohnt war. Er nickte bedächtig und väterlich. Ich zündete die Zigarette an, die Ibrahim mir angeboten hatte.
„Es ist doch gut, dass wir das Schiff verlassen haben, nicht wahr?“, begann ich unser Gespräch. „Jedenfalls ein wenig Abwechslung...“
„Das hier ist jenem Ort so ähnlich“, murmelte er.
„Welchem Ort?“
Als wäre er aus einem Traum erwacht, blickte er mir verwirrt ins Gesicht. Der Kellner brachte uns jeweils ein Bier, das Knabberzeug stellte er in die Mitte des Tisches. Höflich wünschte er uns: „Zum Wohl!“
„Welchem Ort ist es ähnlich?“, wiederholte ich meine Frage.
„Ich habe vor Jahren einen Film gesehen.“ Er drückte seine Zigarette aus. „Der Ort darin war diesem ähnlich. Ja, sehr ähnlich.“
„Ja, und?“ wunderte ich mich.
„Der Mann hat die Frau, die er sehr geliebt hat, getötet.“
„Warum das denn?“
Er trank einen Schluck Bier. „Aus Eifersucht“, gab er zur Antwort. „So zu lieben ist eine Krankheit. Man nimmt von jemandem Besitz, man beherrscht sein ganzes Leben.“ Er schüttelte müde den Kopf. „Eine Krankheit...“ Ich hielt ihm meine Zigarettenschachtel hin. Er nahm sich einen Glimmstängel und wiederholte zum dritten Mal: „Eine Krankheit.“
„Was ist dann passiert?“, fragte ich.
„Dann… – der Mann verbüßte seine Strafe, oder er glaubte, das zu tun. Denn als er aus dem Gefängnis entlassen wurde, brachte ihn die Frau um.“
„Welche Frau denn?“
„Die, die er umgebracht hatte.“
„Wie denn das?“
„Der Mann begriff, dass er falsch gehandelt hatte. Es war damals eine Verleumdung gewesen. Man hatte die Frau angeschwärzt. Und als er das erfuhr…“
„Als er das erfuhr, starb er.“
“Ja, er starb.“
Langes Schweigen. Ich trank einen Schluck Bier, aber es half nichts. Ich zündete mir eine Zigarette an, auch das half nichts. Ich musste etwas sagen.
„Wurde der Film hier gedreht?“, fragte ich schließlich.
„Nein!“ Er schaute mir nicht ins Gesicht, sondern in sein Glas. „An einem Ort, der diesem sehr ähnlich sieht.“
“Ibrahim Abi!“
Wir drehten uns um. Es war Idris, der gerufen hatte. Mit dem Zeigefinger der rechten Hand zeigte er auf seine Uhr.
„Ist okay“, sagte ich. „Wir kommen.“
Mein Glas war noch zu einem Drittel voll. Ich trank es aus. Auch Ibrahim hatte noch Bier in seinem Glas. Er zündete sich eine Zigarette an und stand auf.
„Trink dein Bier aus“, sagte ich. „So lange können sie schon noch warten.“
Er machte mit dem Kopf eine Bewegung, die „nein“ bedeuten sollte. Ob er sagen wollte`: „Das lohnt nicht“, oder: „ich habe keine Lust mehr, es auszutrinken…“ – ich verstand ihn nicht. Er steckte die Zigaretten und das Feuerzeug in die Tasche seines Hemdes. Wir gingen hinaus. Es regnete nicht mehr. Ich fragte, ob wir noch Zeit hätten, Getränke und Zigaretten zu kaufen. Idris blieb stehen. Er schloss die Augen und warf den Kopf nach hinten (es war offensichtlich, dass er viel getrunken hatte), dann breitete er die Arme aus und rief: „Ist das eine Frage? Wenn es sein muss, lasse ich das Boot bis zum Morgen warten.“ Ibrahim lächelte. Ich weiß, er mochte Idris sehr.
Der Maschinist saß als Erster im Boot. Die große Tüte auf seinem Schoß umklammerte er so liebevoll, als wäre es sein Kind.
„Sind wir vollzählig?“
Wir gingen als Letzte an Bord.
„Vollzählig, Efendim“, sagte Idris und warf den Motor an. Achteraus verließen wir die Mole. Auch auf dem Rückweg sprach niemand. Der Wind wehte immer noch heftig, aber es regnete nicht mehr. Alle hatten getrunken. Wir lauschten dem monotonen Geräusch des Motors. Ibrahims Gesicht war der Stadt zugewandt, die wir verließen, er war wieder der Einzige, der rauchte. Der Maschinist blickte wieder vor sich hin, doch diesmal nicht auf seine Hände, sondern auf die Tüte.
Wir näherten uns dem Schiff – unserem Schiff…
 

Der Funker

 

Der Maschinist hatte uns in seine Kajüte eingeladen. Er wollte nicht fischen, denn gestern Nacht saß er die ganze Zeit schlaflos da: „Mein lieber Mann! Die Fische waren entschlossen, ich war ebenfalls entschlossen, aber ich habe keinen einzigen gefangen.“ Idris und seine Freunde hatten auch nichts gefangen, aber am nächsten Tag erzählte er hinter vorgehaltener Hand, dass der Maschinist ein „Blödmann“ wäre. Die ganze Nacht ließ er sich von den Fischen den Köder wegfressen; er fütterte sie ohne sie zu fangen. Wenn Idris beschloss zu angeln, dann freute er sich wie ein Kind. Der Maschinist aber machte daraus eine große Sache, und es war es wert, ihm dabei zuzuschauen. Wie er den Köder aufzog, wie er das Angelhaar herumwirbelte (in diesem Moment sollte man sich besser nicht in seiner Nähe aufhalten, sonst bekam man einen Schlag mit dem Blei ab, oder der Haken krallte sich bei einem fest). Er versuchte nämlich den Angelhaken so weit wie möglich hinauszuschleudern (aber er schaffte es nie weiter als ein, zwei Meter). Doch dann verhedderte sich die Schnur, und als die Fische den Köder wegfraßen, fluchte und schimpfte er (er gab nie gehörte Flüche von sich, sodass es unmöglich war, nicht darüber zu lachen). Aber wenn man ihn auslachte, war er eingeschnappt. Deshalb musste man sich, wenn man merkte, dass man es vor Lachen nicht aushalten konnte, am besten entfernen – irgendwohin, wo er einen nicht mehr hören konnte. Denn „Was man nicht weiß, macht einen nicht heiß.“ Außer Idris hielten sich die meisten daran. Aber Idris schaffte es, gemeinsam mit dem Maschinisten zu fluchen und zu schimpfen und so zu tun, als würde er sich maßlos ärgern. Aber in Wirklichkeit lachte er in sich hinein und darüber lachten wiederum die anderen. Ich war bisher noch nie bei einer dieser Belustigungen dabei, weil ich jede Art von Jagd hasste.
Ich trank den Wodka, den mir der Maschinist anbot, er hatte ihn mit Cola verlängert. Sein Whiskeyvorrat war vor einigen Tagen zur Neige gegangen, deshalb fühlte er sich jetzt schuldig. Er selbst trank nichts davon, höchstens alle Jubeljahre mal, und dann auch nur Whiskey mit Soda. Er rauchte auch nicht. Er brauchte weder das Eine noch das Andere. In den Augen Idris’ war der Maschinist deshalb ein „falscher Seemann“, ein Opfer seines Schicksals, ein „schwarzer Mann“. Er nahm eine Tüte aus seinem Spind, griff mit der Hand hinein und legte Knabberzeug auf den Teller (in seine große Hand passte ein ganzes Pfund; ein Teil landete auf dem Tisch). Der Teller mit dem Knabberzeug musste immer gut gefüllt sein, so mochte er es. Wie ein Huhn futterte er ständig davon, er legte fast keine Pause ein. Er aß auch seine Mahlzeiten auf diese Art – geradezu, als würde er nicht essen, sondern sich mit dem Essen streiten. Dann war er verschwitzt und außer Atem, als hätte er ein Ungeheuer im Kampf besiegt und war nun erschöpft. Wenn er „Guten Appetit“ wünschte, war es kaum zu hören. Als ich ihm sagte, dass es ungesund sei, so zu essen (ich wollte ihn ja nicht kränken, er ist sehr empfindsam), erwiderte er: „Ich weiß. Gäbe es bloß Tabletten, die unser tägliches Essen ersetzen würden. Dann würde ich morgens eine einwerfen und hätte den ganzen Tag meine Ruhe.“ Dem Maschinisten gingen die regelmäßigen Mahlzeiten auf die Nerven. Aber eigentlich bedrückten ihn wahrscheinlich viele andere Dinge auch. Ich begriff nicht, dass er Seemann geworden war und wie er das bis heute ausgehalten hatte.
Ich sagte ihm, dass ich gerne rauchen wollte. „Natürlich“, antwortete er. Aber bei ihm wusste man nie, er hätte ja auch sagen können: „Meine Kajüte ist zu klein, der Rauch ist mir lästig.“
Er sagte, es gäbe da etwas, über das er nachdenken musste. Ich dachte, das hätte etwas mit dem Defekt der Maschine zu tun (immerhin ankerten wir schon seit einer Woche vor dieser kleinen Stadt auf dem offenen Meer). Aber das war es wohl nicht. „Die Krone der Schöpfung, die die Natur beherrscht, sie sogar unterjocht (und als würde ich nicht kapieren, wovon er redete, erklärte er es mir), also des Menschensohns Weib, ist immer noch voller Makel“, sinnierte er. Ich hatte mich seiner Angewohnheit angepasst und warf die gebratenen Kichererbsen wie aus einem Maschinengewehr in den Mund, und fragte: „Wie das? Ich glaube, sie hat keine Mängel, sondern zu viel des Guten!“
“So ist es eben nicht“, philosophierte er. Er holte die Tüte mit Knabberzeug wieder aus dem Spind. „Zum Beispiel, dass sie noch immer jeden Monat bluten… Und sie teilen sich in zwei Gruppen, die mit Schmerzen und die ohne… – eine Fehlleistung der Natur… – eine große Fehlleistung…“ Er füllte eine Hand Knabberzeug nach. Ich versuchte, die neben den Teller gefallenen Kichererbsen und Nüsse aufzusammeln. „Lass’ das“, sagte er, „lass’ das sein!“ Ich befürchtete, dass er beleidigt wäre, wenn ich ihm vorgeschlagen hätte, die Tüte gleich auf dem Tisch zu lassen. Wie oft war er jetzt schon aufgestanden, seit ich in seiner Kajüte war? „Ob wir das noch erleben werden, weiß ich nicht. Aber ich habe die Hoffnung noch nicht aufgegeben. Man wird Mittel gegen den Krebs finden, auch gegen AIDS. Aber das ist auch sehr wichtig!“
An einem anderen Abend, es war ebenfalls in seiner Kajüte (aber da hatte er eine volle Flasche Whiskey und ich hatte mich ordentlich vollaufen lassen), warf er eine andere große Menschheitsfrage auf: Die betraf Frauen wie Männer und war seiner Meinung nach eine weitere Fehlleistung der Natur. Gleichzeitig war es für seine Begriffe eine Fehlleistung der Wissenschaft. Mit geweiteten Augen (er hatte sowieso große Augen, aber jetzt war sein Gesicht richtig beängstigend) sagte er: „Warum haben wir nicht, wie die Vögel, einen Kropf? Dann könnten wir den Salat und den Spinat ungewaschen essen.“ Er überlegte weiter: „Warum können wir die Erdbeeren nicht direkt vom Feld essen? Weil wir keinen Kropf haben!“ Er hatte keine Einwände gegen unsere Nieren, denn die brauchten wir schon. Aber ein zusätzlicher Kropf, meinte er, hätte alles erleichtert. „Wäre das schlecht gewesen?“, fragte er. „Natürlich nicht!“ Er ärgerte sich und war anscheinend auf alle Geflügeltiere neidisch. Ich leistete ihm beim Fluchen Gesellschaft; immerhin trank ich ja sein Whiskey. Irgendwie gab ich ihm Recht, denn er hatte zweimal Koliken wegen seiner Nierensteine gehabt. In Sachen Schmerzen wusste er also Bescheid.
„Das ist natürlich sehr wichtig“, sagte ich. „Was für ein sinnloses Leiden.“
„Eine Schande der Menschheit!“, rief er und griff voll ins Knabberzeug. Als er den ganzen Inhalt seiner Faust in den Mund steckte (als würde er ihn in eine Mühle schütten), bemerkte er, dass mein Glas leer war. „Dein Whiskeyglas ist leer und du sagst nichts?“ Er stand auf, denn auch die Flasche stand im Spind, und füllte mein Glas zu zwei Drittel. Er hatte mit einem Drittel angefangen, dann das Einschenken mit einem halben Glas fortgesetzt, und jetzt waren wir bei zwei Drittel angekommen. Ab jetzt würde er das ganze Glas füllen und ich musste es austrinken, ohne das Gesicht zu verziehen. Sonst war er beleidigt.
Ich empfahl mich also dem Schöpfer und verließ mich ein wenig auch auf den getrunkenen Whiskey, als ich ihm meine nächste Frage stellte: „Herr Maschinist, der Schaden der Maschine… ist er sehr groß?“
Sein Gesicht verfinsterte sich. Seine Laune war augenblicklich verdorben.
„Jetzt hör’ mir mal zu“, sagte er, „zurzeit gibt es in unserem Land zwei Schiffe mit NOHAP-Maschinen an Bord – eines davon ist diese alte Barke. Es gibt aber nur einen Menschen, der von NOHAP etwas versteht und das bin ich! Was den Defekt angeht: So groß ist er zwar nicht, aber es wird Zeit in Anspruch nehmen. Bei den jetzigen Dieselmaschinen ist der Einspritzer sehr wichtig, eine Art Kompressor. Die Kolben arbeiten durch zusammengepresste Luft. Wir haben den Einspritzer ausgebaut und ihn zum Dreher gebracht. Man muss Geduld haben.“
Er schwieg und schaute durch das Bullauge hinaus.
„Ein schlimmer Ort“, sagte er dann. Er wandte sich um, und als wäre ihm gerade etwas eingefallen, schaute mir ins Gesicht: „Du kennst doch Ruhi, den Funker, oder?“
„Ja, er ging von Bord, kurz nachdem ich auf das Schiff gekommen war.“
„Dann weißt du ja nicht viel von ihm. Der eigentliche Zirkus war vor drei, vier Jahren gewesen. Frag’ den zweiten Maschinisten, er soll es dir erzählen. Er hat sich am meisten über ihn aufgeregt. Mann o Mann! (Aus dem Spind nahm er die Tüte mit dem Knabberzeug und die Whiskeyflasche) Manchmal tat er mir schon leid, weil sie ihn so aufzogen, aber manchmal hatte er es verdient, das A...loch.“
Er füllte mein Glas jetzt bis zum Rand, auf den Teller legte er zwei Hände voll Knabberzeug. Diesmal sammelte ich die Stücke, die auf den Tisch gefallen waren, nicht auf.
„Er wollte ja jugendlich aussehen, deshalb schmierte er sich jeden Tag „Akyok“ ins Haar“
„Was ist das denn?“
„Ein Scheißmittel! Angeblich verhindert es, dass man weiße Haare kriegt. Deshalb heißt es ja Ak-yok, kein weiß. Mahir, der zweite Maschinist, ging in seine Kajüte, als er Dienst hatte, schüttete das Zeug weg und füllte eine Aufhellerflüssigkeit in die Flasche. Am nächsten Morgen platzte Ruhi in den Personalraum, außer sich vor Wut. Er sah aus wie eine Nutte, die Haare hellblond. Er schnaufte vor Wut, schrie, dass das eine Gemeinheit wäre und dass Scherze eine Grenze hätten. Niemand lachte. Der Kapitän fasste sich am Kinn und schüttelte den Kopf: „Nicht, dass das Mittel, das du dir in die Haare schmierst, verdorben ist, sagte er. Immerhin ist es auf dem Schiff feucht…“
Er begann zu lachen. „Es gab noch eine Menge solcher Geschichten…“, japste er und füllte den Mund erneut mit Knabberzeug. „Noch so eine Geschichte (er begann wieder zu lachen): Er legte abends seinen Schafskäse, den er am nächsten Morgen zum Frühstück essen wollte, ins Wasser, damit das Salz entwich. Er hatte wohl einen zu hohen Blutdruck. Aber Mahir tat ihm eine Hand voll Salz ins Wasser. Und wenn Ruhi ins Bad ging, drehte er das kalte Wasser auf dem Schiff ab. Aus den Leitungen kam dann nur heißer Dampf. Es gab noch eine Menge solcher Streiche… Aber weißt du, was der größte Spaß war?“ Er war wohl vom Stehen ermüdet, denn er setzte sich auf sein Bett. „Einmal hatte die Maschine wieder mal einen Defekt und wir lagen vor Anker. Alle waren im Personalraum. Ruhi hatte beim Tavla gegen den Kapitän verloren und saß da mit einem langen Gesicht. Der Kapitän spielte ja nie umsonst – entweder ums Essen oder ums Trinken. Obwohl alle wussten, dass er beim Würfeln schummelte, traute sich niemand, das auch nur anzudeuten. Ruhi klingelte nach dem Zimmerkellner und bestellte ein Glas Wasser. „Na ja“, spöttelte der Kapitän, „nach dieser Partie kann man höchstens ein Glas Wasser trinken!“ Während Ruhi also sein Wasser trank, fragte Mahir, der mal wieder besonders gut aufgelegt war, in die Runde: „Habt ihr schon mal beim Trinken versucht zu pinkeln?“ Es war klar, dass es wieder Ruhi treffen würde, deshalb verneinten alle. Und Mahir: „Dann probiert’s mal aus. Wenn ihr schluckt, wird das Pinkeln unterbrochen.“ Die erste spitze Bemerkung kam vom Kapitän: „So was gibt es gar nicht.“ Aber Mahir blieb hartnäckig: „Haben Sie es mal versucht, Herr Kapitän?“ Nein, er hatte es nicht. Niemand hatte es. „Ich habe es versucht“, sagte Mahir dann. „Genau in dem Moment, in dem man schluckt, hört man auf zu pinkeln.“ Währenddessen war Ruhi aufgestanden und verließ mit seinem Glas in der Hand den Raum. Alle warteten neugierig darauf, dass er kurze Zeit später zurückkam. Auf seinem Gesicht hatte er ein teuflisches Grinsen. „Ich hab’s versucht, es hört nicht auf.“ Aber jetzt kommt das Beste: (der Maschinist wechselte seine Sitzposition; er war bester Laune) Du hättest Mahir mal sehen sollen. Er schüttelte den Kopf und schaute Ruhi entsetzt an. Im Raum herrschte eine Todesstille. „Hat es wirklich nicht aufgehört?“, fragte er besorgt. „Nein“, antwortete Ruhi. „Ich habe gepinkelt wie ein Pferd.“ „Dann bist du homosexuell“, erwiderte Mahir. „Nur die schaffen das.“ Ein Lachen brach aus, und Ruhi blickte verunsichert um sich. „Ruhi Amca“ (insbesondere wenn der Spaß zu heftig gewesen war, sagte Mahir „Amca“ zu Ruhi; das war eine Art Entschuldigung!), rief er. „Die Ein- und Ausgangsmuskeln des Körpers sind wie ein Schaltkreis angelegt. Wenn sich das eine zusammenzieht, zieht sich das andere auch automatisch zusammen. Sagen wir mal, du pinkelst, und im gleichen Augenblick trinkst du einen Schluck Wasser – also du schluckst –, dann ziehen sich auch die unteren Muskeln zusammen. Das Pinkeln wird unterbrochen. Aber wenn die unteren Muskeln locker sind, pinkelst du wie ein Pferd… – das ist ganz normal.“ Ruhi ärgerte sich, schrie ihn an, beschwerte sich beim Kapitän, dass er beleidigt wurde. Aber der antwortete ganz ruhig, dass die Erklärung wissenschaftlich erwiesen sei. Außerdem hätte ja niemand außer Ruhi nachgeprüft, ob die Behauptung stimmte. Ruhi schlug verärgert die Tür hinter sich zu. Und wieder brach ein Lachen los… – so blamiert hatte er sich bestimmt noch nie gefühlt. Aber wir alle wussten, dass er beim Abendessen seinen Platz einnehmen würde, als wäre nichts geschehen. Und nach dem Essen würde er eine Partie Tavla mit dem Kapitän spielen.“
Ich trank einen Schluck Whiskey, zündete eine Zigarette an (diesmal bat ich nicht um Erlaubnis, denn der Maschinist rieb sich mit den Fäusten die Augen vor Lachen). Ich hatte noch immer keine konkrete Antwort auf meine Frage erhalten: Wann würde der Defekt behoben sein, damit wir endlich weiterfahren konnten? Seit ich auf diesem Schiff war, war das schon der dritte Schadensfall.
Eines nachts, als wir in der kleinen Kajüte von Idris tranken (beim ersten Defekt; damals lagen wir zehn Tage vor Anger), sagte er, dass kein anderes Schiff auf der Welt so viele Motorschäden hätte wie das „Izbarco“ (so hieß unser Schiff). Dabei hatte er seine Augen groß aufgerissen und sein Gesicht verriet, dass er vor Wut bereit gewesen wäre zu töten. Baha und Ibrahim hatten gelacht. „Wisst ihr, warum?“, fragte Idris und führte seinen Zeigefinger an die Backe und schaute mich nur pfiffig an: „Weil NOHAP!“ Ich hatte in jener Nacht erfahren, was NOHAP bedeutete. Es war die Hauptmaschine des Schiffes. Niemand kannte sie. Der Maschinist versuchte im Alleingang sie zu reparieren (das musste er selbst verantworten!), die häufig kränkelnde Maschine auf Vordermann zu bringen. Ich hatte ebenfalls in jener Nacht erfahren, dass man ihn deshalb den „NOHAP-Doktor“ nannte. Niemand auf dem Schiff – außer dem Kapitän – glaubte an der Ernsthaftigkeit dieser Defekte.
Es klopfte an der Tür der Kajüte. Ich schaute auf meine Uhr; es war schon zwei Uhr.
„Herein!“, rief der Maschinist.
Idris stand in der Tür. Er hatte seinen kanariengelben Regenmantel mit der Kapuze und seine Gummistiefeln an.
„Herr Maschinist“, sagte er. „Die Fische beißen, ich wollte Ihnen Bescheid sagen.“
„Komm’, nimm erst mal ein bisschen von dem Knabberzeug.“
„Vielen Dank, Efendim!“
„Komm’ nur, komm’“, rief er und holte die Tüte wieder aus dem Spind. Ich trank mein Glas aus.
„Komm’ du auch mit“, sagte er zu mir. „Angeln beruhigt die Nerven.“
„Ich will mich aber lieber hinlegen“, sagte ich. „Mögen Sie Glück haben beim Fischen!“
„Morgen holen wir den Einspritzer vom Dreher“, erwiderte er. „Wir montieren ihn, und dann wollen wir doch mal sehen. Du weißt ja, der Einspritzer ist beim Anlassen unerlässlich.“
Als ich am nächsten Tag gegen Mittag noch in meiner Kajüte lag und eine Zigarette rauchte, hörte ich den Motor anlaufen. Das hieß, der Einspritzer war tatsächlich eingesetzt worden und der erste Start hatte geklappt. Die Maschine tat alles, um zu arbeiten, doch ihre Kraft reichte nicht. Sie wurde noch einmal gestartet, doch mit dem gleichen Ergebnis.
„Wird sie funktionieren?“, fragte ich Ibrahim.
Seine Antwort war wortlos, aber bestimmt. Er zeigte seine zur Faust geballte Hand, sein Daumen war zwischen dem Zeige- und dem Mittelfinger.
Die Maschine wurde wieder angelassen. Diesmal strengte sich NOHAP noch mehr an. Doch gerade als ich glaubte, sie würde jetzt laufen, brach das Motorengeräusch wieder ab.
„Der gute Maschinist ist noch nicht so weit“, bemerkte Ibrahim mit spitzer Stimme. „NOHAP kann nichts dafür. Die Schuld liegt bei Idris. Mann, wenn du siehst, wie die Fische hier beißen, dann mach’ deinen Eimer voll, hab’ deinen Spaß und fertig. Was zum Teufel rufst du den Maschinisten…? Er hat gestern Nacht drei, vier Sardinen geangelt – er ist ganz aus dem Häuschen.“
„Also hat er den Defekt des Einspritzers nur erfunden?“
Ibrahim schloss die Augen und wandte den Kopf ganz leicht zur Seite, dann tat er so, als wüsste er alles: „Das ist eine erfundene Geschichte… – und die wievielte schon?“

 

Der Zimmerkellner

 

Wo müsste ich beginnen, wenn ich Hursit beschreiben sollte? Am besten bei unseren Späßen und darben Inszenierungen, bei denen wir besonders ihn hereinlegten? Oder damit, dass wir uns über seine vollen, schwarzen Haare mit den Worten: „Ich bin eine Perücke!“ lustig machten? Dass wir ihn unter uns „Mafiaboss“ nannten (er wusste nichts davon). Obwohl er bestimmt niemandem jemals etwas Böses getan hatte? Er war ein introvertierter Typ, als Zimmerkellner war er fleißig und auf seiner Stirn perlte immer Schweiß. Wir wussten, dass das von seiner Perücke kam. „Mann, nimm doch dieses Lammfell runter!“, sagten wir ihm. „Sei du selbst, hab’ ein wenig Selbstvertrauen!“ Aber das sagten wir ihm ja nicht ins Gesicht – nur unter uns. Wenn einer von uns seine Perücke vom Kopf reißen würde, witzelten wir, dann würden wir einen Schluck Raki trinken und Tränen lachen. Was würde er dann wohl tun? Dann würde nicht mehr viel von seiner „Mafiaboss“-Ausstrahlung übrig bleiben, lachten wir uns schlapp. Wir rissen Witze darüber, dass er, wenn er aus dem Bad in seine Kajüte ging, auf einer Nylonschnur, die vom Bullauge zum Waschbecken aufgespannt war, seine Unterhose, sein Unterhemd, sein Hemd, seine Strümpfe und seine Perücke zum Trocknen aufhängen würde. Dann lachten wir uns krumm. Er aber hatte in seiner Kajüte Angst, dass ihm Muharrem etwas tun würde. Das wusste niemand. Nur Ibrahim schwieg, als wüsste er es. Er beteiligte sich nicht an unseren Späßen, er lachte auch nicht über Hursit. „Fasst den armen Kerl nicht immer so hart an“, mahnte er uns stattdessen. Wir fassten ihn sowieso nicht an. Er war erst zwei Monate auf dem Schiff, und es war seine erste Fahrt: Baha hatte schon am ersten Tag, als Hursit auf das Schiff kam, gesagt: „Abi, aus dem wird kein Seemann! Sein Blick verrät alles.“ Baha war jemand, der aus den Gesichtern der Menschen lesen konnte, vor allem aus den Augen. Er irrte sich nie, „die Augen sind der Spiegel der Seele“, sagte er immer. Er schaute sich jemanden nur einmal an und Stellte fest: „Das ist ein schwarzer Mensch!“ Aber Hursit war fünf Jahre arbeitslos gewesen. Er hatte zwar einen Seemannsausweis, aber keinen Mut, zur See zu fahren. Aber schließlich musste er ja überleben. Er hätte sogar in der Hölle einen Job angenommen…
Zehn Tage, nachdem wir ausgelaufen waren, kam ein Sturm auf. Hursits Gesicht wurde kalkweiß, auf seiner Stirn standen Schweißperlen. Er versuchte, seine Arbeiten ordnungsgemäß zu verrichten, aber er schaffte es nicht. Wir waren diejenigen, die ihm damals den Rücken streichelten und sagten: „Leg’ dich hin“. Aber dann riefen wir laut: „Der Boss ist k.o.“ und lachten lauthals.
Er wandte seine riesigen Augen von uns ab und sagte: „Ich halte schon durch!“ Doch er war verzweifelt. Aber so waren eben die Regeln: Das Meer war nur für diejenigen, die es gut ertrugen. Nicht wir waren rücksichtslos, sondern die Regeln!

Ich trank in der Kajüte von Idris, Baha war auch dabei. Ibrahim aber war nicht mitgekommen. Idris hatte ihn zwar bedrängt, aber er wollte lieber angeln. Es war Sommer, eine heiße Nacht. Drei Tage zuvor waren wir in einer Bucht vor Anker gegangen. In dieser Nacht hatten wir keine Lust ins Beiboot zu steigen und an Land zu fahren. Was gab es denn schon da draußen Besonderes?
Der Maschinist hatte uns gesagt, dass aus dem Tank Öl ins Unterdeck tropfte. Wenn es nur dabei geblieben wäre… Weil die Kombüse auch mit Dieselöl arbeitete und wegen des Lecks angeblich Brandgefahr herrschte, entkam der Koch nur um eine Haaresbreite dem Feuertod. Der Maschinist war bemüht, den Schaden zu beheben. Man musste nur etwas Geduld haben. Wir lachten natürlich; die wievielte Gefahr hatte der Koch schon überstanden? Auch darüber amüsierten wir uns. Vielleicht lachte sogar er selbst in der Kajüte darüber, denn einer echten Brandgefahr war er noch nie ausgesetzt gewesen. Aber das könnte ja passieren, deshalb mussten also die entsprechenden Vorsorgemaßnahmen ergriffen werden. Man musste Geduld haben. „Mann“, sagte Idris, „wir haben uns in einen Geduldsstein verwandelt!“
Der Maschinist fing währenddessen ganze Eimer voll mit Sardinen und Makrelen. Ja, sogar er! Denn in dieser Bucht wimmelte es nur so von Fischen.
Baha kniff ein Auge zu und bewertete die Lage. „Der Grund, dass wir so oft vor Anker gehen, sagte er, sei, das dieses A…loch ein angeblicher NOHAP-Fachmann ist, aber eigentlich gerne angelt. Keiner kannte sich aus, also mussten alle glauben, was er uns sagte. Idris störte dieser Stillstand gar nicht so sehr. „Ist es denn schlecht? – Wir ruhen uns aus.“ Aber Baha war vergrätzt. „Ich sch...e auf das ständige Ausruhen. Wir sollten weiterfahren, das reicht mir jetzt!“ Als Idris die leeren Gläser wieder füllte, zwinkerte er und lachte: „Hast du denn solche Sehnsucht nach Istanbul?“ Baha brummte etwas und zündete sich eine Zigarette an.
An der Tür klopfte es kaum vernehmbar. Idris spielte sich als „Chef“ auf und rief ein lautes „Herein!“ Was auch immer der Grund dafür war, dass er sich so benahm – dass er sich tatsächlich gestört fühlte, kann es nicht gewesen sein –, wahrscheinlich war es sein Naturell. Ich weiß nicht, wie er es schaffte, aber sein Gesicht, das eben noch fröhlich war, verwandelte sich von einer Sekunde auf die andere in das eines brutalen Mörders. Die Tür ging auf; vor uns standen zwei verstörte Zimmerkellner: Mustafa und Fehmi.
„Entschuldigen Sie die Störung, aber können Sie kurz mal mitkommen?“, fragte Mustafa. Ich schaute auf meine Uhr: Es war ein Uhr. Wenn Mustafa um diese Zeit den Chef beim Rakitrinken störte, noch dazu mit einem so verstörten Ausdruck im Gesicht, dann war auf dem Schiff etwas Wichtiges passiert. Erst kurz vorher war das letzte Beiboot zurückgekehrt, denn Mustafa und Fehmi hatten sich in Schale geworfen und waren mit den anderen an Land gefahren. Vielleicht war ja auch an Land etwas passiert? Sie redeten vor der Tür, ich glaubte den Namen Hursit gehört zu haben. Aber ich hatte nicht verstanden, um was es ging. Idris öffnete einen Spalt die Tür und sagte: „Lasst euch nicht vom Trinken abhalten, ich komme gleich wieder.“
„Was ist denn passiert?“, wollte ich wissen.
Er streckte seine Hand aus und beschwichtigte uns: „Es ist nichts Wichtiges.“ Baha (er hatte sehr viel getrunken) äffte Idris nach, streckte genauso seine Hand aus und sagte: „Es ist nichts Wichtiges!“ Dann fasste er mit der anderen Hand das Handgelenk der ausgestreckten Hand und schüttelte es. „Und ob, dass es nichts gibt. Du Dreckskerl! Wenn nichts Wichtiges vorgefallen ist, wieso stehst du dann mitten im Trinken auf, lässt alles stehen und gehst weg? –Sonst kann das Schiff untergehen, es lässt dich kalt, du…“
Damit nicht genug schimpfte er auf alles und jeden, von der NOHAP bis zum Maschinisten, schließlich auf die ganze Besatzung.
Wir hörten, dass der Motor des Beibootes erneut angelassen wurde, dann das monotone Tuckern, das sich langsam entfernte. Sie fuhren an Land, und das hieß, dass doch etwas passiert war. Etwas Schlimmes. Wurde jemand von der Besatzung bei der Polizei festgehalten? Wenn der Chef persönlich aufgefordert wurde, den Fall zu klären, dann war das schon wichtig.
Als Idris zwei Stunden später zurückkehrte (Baha war inzwischen eingeschlafen), lag auf seinem Gesicht ein teuflisches, zugleich naives Grinsen. „Hursit hatte sich betrunken und bat bei der Gendarmerie um Asyl“, berichtete er. Er begann zu lachen. „So ein Blödmann! In der Türkei als türkischer Staatsbürger um Asyl zu bitten… – also wirklich! Hursit war total weggetreten…“
„Nichts für ungut, aber was hat er für Probleme?“, wollte ich wissen.
Plötzlich wurde er ernst, lehnte sich zurück und machte ein nachdenkliches Gesicht.
„Er ist völlig übergeschnappt“, kommentierte er den Vorfall, bevor er sich eine Zigarette anzündete. „Schenk’ mir mal etwas Raki ein. Er hat uns den Abend vermasselt.“ Dann zeigte er mit dem Kopf auf den schlafenden Baha: „Was hat er denn?“
„Er ist nur eingeschlafen.“
„Hat er hinter mir hergeflucht?“
„Ja!“, sagte ich.
Sein Gesicht wurde wieder zu einer Mörderfratze, er schüttelte den Kopf, während er zu Baha schaute. Aber er schlief wie ein Toter, der verstorben war, ohne genug von der Welt gesehen zu haben.
„Und dann?“, forschte ich weiter.
„Er ging zur Gendarmerie und bat um Asyl, weil man ihn auf dem Schiff angeblich ermorden wollte! So ein Blödsinn!“
„Man wollte ihn ermorden, auf diesem Schiff!“
„So etwas! Aber angeblich hat Muharrem ständig ein Messer bei sich und lauert nur auf Hursit, um ihn zu töten…“
„Muharrem ist doch ein harmloser Kerl, genauso wie Hursit.“.“
„Aber erzähl’ das mal den Beamten! Sie haben Hursit ernst genommen und wollten ihn nicht zurückgehen lassen.
„Wo ist er jetzt?“
„Am Bug, er trinkt einen Kaffee.“
„Wie hast du ihn freibekommen?“
„Ich bin doch der Chef… – wenn ich ihn nicht freibekomme, wer dann?“
Er weitete seine Augen, nahm einen großen Schluck Raki: „Oder was meinst du?“ Sein Gesicht war jetzt noch schrecklicher.
„Hatte Hursit denn zu viel getrunken?“, fragte ich, um das Thema zu wechseln.
„Ach was!“, antwortete er. Sein Gesicht war jetzt wieder freundlich. „Was kann Hursit schon getrunken haben? Er war verwirrt, nichts weiter.“
Baha ließ im Schlaf ganz laut einen fahren. Anscheinend war er von den weltlichen Dingen völlig losgelöst. Idris Gesichtsausdruck änderte sich erneut. „Dreckskerl“, zischte er. „Und das in meiner Kajüte!“
„Alle sind etwas angespannt“, versuchte ich ihn zu besänftigen, aber er schaute immer noch ganz böse zu Baha. „Seit Tagen liegen wir jetzt in dieser Bucht. Der Schaden sollte so schnell wie möglich behoben werden, damit wir endlich von hier wegkommen.“
„Aber hier kann man so gut fischen“, sagte er. „Das wird schwer sein, von hier wegzukommen.“

Als es an der Tür klopfte, wusch ich gerade mein Gesicht. Es war noch früh, aber Ibrahims Bett war leer. Ich öffnete die Tür: Hursit stand da. Auf seiner Stirn waren wieder Schweißperlen, er hatte seine Augen weit geöffnet. Er schaute mich an, aber er schien mich gar nicht zu sehen und ergriff meine Hand, während er flehte: „Rette mich!“
„Ruhig, Hursit!“, sagte ich. Was hätte ich denn sonst sagen können? Aber er beruhigte sich nicht, im Gegenteil. „Komm rein“, sagte ich. Er trat ein und setzte sich auf mein Bett. Ich bot ihm eine Zigarette an, aber er wollte sie nicht. Er schwitzte ohne Unterlass.
„Bring’ mich weg von diesem Schiff, Abi“, flehte er. „Ich will nach Hause zurück. Die werden mich fertig machen.“
„Hab’ keine Angst! Niemand wird dich fertig machen!“
„Bitte lasst mich weg von diesem Schiff! Sonst schmeiße ich mich ins Wasser. Ich halte es nicht mehr aus.“
„Ich verspreche dir, ich sorge dafür, dass du das Schiff verlassen kannst. Ich werde mit dem Kapitän reden…“
“Danke, Abi!“, sagte er, danach begann ein langes Schweigen. Er richtete seinen Blick fest auf einen Punkt, atmete tief ein und aus und schien die vor seinem geistigen Auge auftauchende schreckliche Vision abwehren zu wollen. Denn er schüttelte den Kopf, als wäre ihm der Leibhaftige erschienen. Mich überkam Panik. Hursit begann zu sterben.
Ich ging zu dem Maschinisten. Er hielt sein Kinn und vertiefte sich in Gedanken. Er hatte seine Augen geschlossen. Ich dachte, er wäre eingeschlafen. Aber wenig später (seine Augen waren noch immer geschlossen) redete er wie im Schlaf: „Schau’“, sagte er, „was du erzählt hast, ist sehr ernst. Vor etwa fünfzehn Jahren habe ich einen ähnlichen Fall erlebt: Ich arbeitete damals als dritter Maschinist auf einem Tanker. Wochenlang sahen wir kein Land. Es gab einen jungen Wagenschmierer – ich weiß nicht mehr, wie er hieß, aber ich sehe sein Gesicht noch vor mir –, ein ruhiger, verschlossener Typ. Wenn sein Dienst zu Ende war, schloss er sich in seiner Kajüte ein. Auch er verdiente sein Brot am falschen Ort. Er war kein Mann des Meeres. Vielleicht hatte er gedacht, er würde es schaffen, er würde es aushalten. Aber er konnte es nicht…“
„Nein, ich will jetzt lieber nichts trinken“, sagte ich, als er mir einschenken wollte.
„Trink’ nur, trink’…“, drängte er. Er füllte mein Glas halbvoll und als er die Flasche verschloss, wiederholte er: „Trink!“ Dann erzählte er weiter: Er war diese Seefahrt so überdrüssig, dass dieser feine Mensch eines Tages explodierte. Wir konnten ihn nur mit Mühe festhalten. Der Kapitän musste ihn in seine Kajüte einsperren. Wir waren ja auf dem offenen Meer, wir konnten nichts tun. Vor unseren Augen ist der Junge verrückt geworden… Damit ist also nicht zu spaßen. Solche Leute kann man nicht beschwichtigen. Ich werde mit dem Kapitän reden, wir müssen ihn so schnell wie möglich an Land bringen. Zum Glück haben wir einen Defekt – außerdem liegen wir in einer Bucht vor Anker… Wenn wir jetzt auf dem offenen Meer wären, das wäre viel schlimmer.“
„Vielen Dank, Herr Maschinist!“, sagte ich und trank meinen Whiskey aus. „Die Lage ist wirklich ernst. Dieser Mann wird nicht verrückt, er stirbt!“
“Wir bringen ihn weg“, beruhigte er mich. Er schüttelte bedenklich den Kopf. „Wir bringen ihn runter…“
„Los! Geh’ in deine Kajüte und pack’ deine Sachen“, sagte ich zu Hursit. „Wir fahren mit dem Beiboot an Land. Idris und Ibrahim kommen auch mit. Wir sorgen dafür, dass du nach Hause fahren kannst.“
Seine Augen blickten leer. Er nickte, als hätte er es verstanden. Als ich aber sah, dass er sitzen blieb (ich dachte, er würde sofort aufspringen und sich über diese Nachricht freuen), forderte ich auf: „Los jetzt! Das Boot wartet schon auf dich.“
„Ich kann nicht…“, sagte er. „Sobald ich hier rausgehe, wird Muharrem mich abstechen.“
„Aber das kann er gar nicht. Der Kapitän hat ihn in den Mannschaftsraum gesperrt. Wenn du willst, komme ich mit dir und helfe dir beim Packen.“
„Komm!“, sagte er. „Lass’ mich nicht allein, bis ich das Schiff verlassen habe.“
Seine Panik war auch fast schon auf mich übergesprungen. Er hatte nur wenige Sachen. Seine blaue Plastiktasche bepackten wir zusammen: die schmutzige Wäsche, seine Stoffhose, die er an Land trug, sein kanariengelbes Hemd, seine Handtücher, seine Badelatschen (billige Plastikdinger), seinen Rasierpinsel und sein Gesichtswasser. Wir steckten alles in die Tasche. Aber er konnte sich immer noch nicht beruhigen, er hatte panische Angst, dass in der Kajüte auftauchen und ihn abstechen würde. Sein Gesicht war kalkweiß. Er schwitze noch mehr als sonst.
Er verabschiedete sich von niemandem, als er ins Beiboot stieg. Die ganze Besatzung (außer Muharrem, dem aufgetragen worden war, sich nicht blicken zu lassen) hatte sich versammelt und schaute dem Boot nach. Der Maschinist war nicht da. Zweifellos beobachtete er das Geschehen aus dem Bullauge seiner Kajüte. Ich dachte, er wäre deprimiert, und dass ihn eine solche Situation überforderte. Er war, anders als die anderen, ein sehr einsamer Mensch. Wir kannten ihn kaum.
Zu dritt begleiteten wir Hursit an Land: Idris, Ibrahim und ich. Ibrahim bediente den Motor, Idris war an der Ruderpinne. Ibrahim rauchte. Seine Augen hatte er zusammengekniffen, er schaute auf die Lichter der Stadt. Er schien nicht auf dem Boot, sondern ganz woanders zu sein.
„Du kannst ganz ruhig sein“, sagte ich zu Hursit. „Wir sind ja jetzt weg vom Schiff. Du fährst in dein Dorf, zu deiner Frau und deinen Kindern. Ruh’ dich eine Woche lang aus und du wirst sehen, danach ist alles wieder in Ordnung.“
„Natürlich!“, fügte Idris hinzu. „Wir haben so lange vor Anker gelegen, das geht allmählich jedem von uns auf die Nerven.“
Hursit schwieg und schaute auf seine Tasche vor seinen Füßen. Ich steckte das Geld, das wir für ihn r Besatzung gesammelt hatten, in seine Tasche. Doch da schreckte er auf. Er schaute mich entsetzt an. Er wollte dieses Geld nicht. So sehr wir ihm auch zuredeten, wir konnten ihn nicht überzeugen, es zu nehmen – obwohl er darauf angewiesen war. Das wussten wir.
Wir begleiteten Hursit bis zum Minibus, der in die Kreisstadt fuhr. Und wir warteten, bis der Bus abfuhr. Er machte mit der Hand ein Zeichen; „Geht ihr nur“, aber wir warteten und winkten ihm nach.
Er hatte noch immer Angst.
Als wir zum Schiff zurückfuhren, hatten wir keine Kraft zu reden. Idris hatte vorgeschlagen, Bier zu kaufen. Wir tranken es und waren traurig – sehr traurig. Je näher wir dem Schiff kamen, umso hässlicher sah es aus. Es war ein hässlicher Ort, an dem es schwer war zu leben…
„Guck’ mal“, rief Idris. Sein Gesicht hatte einen beängstigenden Ausdruck angenommen. „Der Maschinist angelt, als wäre nichts geschehen.“
Er stand mit dem Rücken zu uns. Er hatte das Geräusch des Bootes sicher gehört, aber er wandte sich nicht um.
„Eigentlich ist er auch traurig“, warf ich ein. „Der Maschinist ist eben ein anderer Typ.“
Hursit war also nicht mehr da. Aber damit war die Geschichte nicht zu Ende. Wir dachten, er hätte in seinem Geburtsort eine Arbeit gefunden, die nichts mit dem Meer zu tun hatte (eigentlich dachten wir, dass er noch keine neue Arbeit hätte, aber dass er bald eine finden würde). Aber dass er mit seiner Frau und seinen Kindern zusammen war, das hofften wir. Doch dann erfuhren wir, dass dem nicht so war. Die Funknachricht schlug wie eine Bombe bei uns ein. Wir ankerten noch immer in derselben Bucht. Seit Hursit von Bord ging, konnte der Schaden noch immer nicht behoben werden. In der Nachricht hieß es, dass Hursit nicht nach Hause gelangt, sondern in Istanbul gestorben war. Wir waren wie erstarrt. Was hatte er im Stadtteil Pendik zu tun? Er sollte doch geradewegs nach Harem fahren und dort einen Bus in seinen Heimatort nehmen. Aber Hursit wurde in Pendik von einem Lastwagen überfahren, als er versuchte, die Autobahn E5 zu Fuß zu überqueren. Das war schon vor einer Woche geschehen, aber wir erfuhren es erst jetzt.
„Der Todesengel war auf unserem Schiff“, sagte Idris. Er blickte uns mit leeren Augen an. „Er war ihm in der Gestalt von Muharrem erschienen. Aber er wollte ihn nicht hier holen, er hatte ihm wohl leid getan….“
„Was für ein Mitleid sollte das sein?“, entgegnete Ibrahim. „Weder hat er seine Heimat erreicht, noch seine Frau und seine Kinder wieder gesehen!“
„Gott möge seiner Seele gnädig sein!“, sagte Baha. „Wäre er auf dem Meer gestorben, hätte er keine Ruhe gefunden.“

 

Die Haarspange mit der lila Blume

 

Ich hatte Durst, mein Mund war ausgetrocknet. Ich stand auf und ohne das Licht einzuschalten, tastete ich mich zum Waschbecken und trank Wasser. Dann legte ich mich wieder hin. Gestern Abend hatte ich wegen eines Mädchens getrunken, das ich nicht einmal kannte, das ich nur ein einziges Mal sah. So etwas passierte mir zum ersten Mal.
In Bahas Kajüte hörte ich mir wieder mal die Witze an, die ich schon auswendig kannte. Dennoch lachte ich, als hätte ich sie noch nie gehört und trank. Idris war nicht dabei, er hatte keine Lust. Ibrahim bevorzugte es zu angeln. Er war immer verschlossener geworden. Auf dem Schiff schien die Zeit für uns alle stehen geblieben zu sein. Ich fühlte mich alleine und war sehr betrübt. Von dem Mädchen hatte ich niemandem etwas erzählt, auch Ibrahim nicht. Sie hätten mich damit nur aufgezogen, das wusste ich. Dem Mädchen hatte ich nicht einmal in die Augen blicken können, sie hatte mich nicht einmal bemerkt.
Dass der Morgen bald anbrach, sah man an der Helligkeit in der Kajüte. Es hatte keinen Sinn, sich in der Koje hin- und herzuwälzen. Also stand ich auf. Ich öffnete ganz leise meinen Kleiderschrank, um mich anzuziehen. Als ich meine Hose anzog, blickte ich auf Ibrahims Bett. Es war leer. Ich ging an Deck, um ein wenig frische Luft zu schnappen. Auf dem schaukelnden Deck war niemand. Die morgendliche Kühle strich mir übers Gesicht. Diese stillen Stunden des Morgengrauens, wenn die Sonne gerade aufging, waren die, in denen ich keine Lebensbindung spürte. Wenn der morgendliche Gebetsruf des Imams hinzukam (auf dem Schiff war das natürlich nicht möglich), dann war ich fast ohnmächtig. Am besten wachte ich nach dem Sonnenaufgang auf, dann fühlte ich mich nicht traurig und fand mich im Leben wieder zurecht. Hinter den Hügeln, östlich von uns, hatte sich der Himmel rötlich gefärbt, aber die Sonne war noch nicht zu sehen. Am Himmel standen dünne Wolken, die wie Federn aussahen. Das Schaukeln des ankernden Schiffes wirkte auf mich wie eine Zeremonie. Alles war deprimierend.
Als ich am Achterschiff ankam, sah ich dort Ibrahim sitzen. Seine Augen waren wie winzige Punkte.
„Petri Heil!“, sagte ich.
„Danke!“
Er holte die Angelschnur mit bedächtigen Bewegungen ein – alle drei Hacken waren voll. Drei kleine Stöcker zappelten und wehrten sich gegen den Tod. Er nahm die Fische vom Haken und warf sie in den Eimer. Ich sah, dass der Eimer halbvoll mit Fischen und mit Meereswasser war. Für die Fische war das ein Irrglaube, als ob sie weiterleben dürften. „Wann bist du denn aufgestanden?“, fragte ich Ibrahim.
„Ich habe mich gar nicht erst hingelegt“, antwortete er. Sein Gesicht sah müde aus. Er wirbelte die Angel meisterhaft über den Kopf und warf die Schnur weit hinaus ins Wasser. Wir hörten, wie das Blei auf dem Wasser aufschlug. Über seinen schwieligen Zeigefinger lief die Plastikschnur rasch ins Wasser.
„Nicht mal der Maschinist würde früh aufstehen“, sagte ich.
„Zum Teufel mit ihm“, zischte er zwischen den Zähnen hervor.
Ich lehnte mich an die Reling und schaute zum Ufer. Gestern Abend wurde nach dem Abendessen das Beiboot heruntergelassen, und die Seeleute, die keinen Dienst hatten, fuhren an Land. Ibrahim kam, trotz meiner Bitte, nicht mit. „Wenn dieser Dreckskerls (das war der Maschinist!) mitgeht, setze ich keinen Fuß an Land“, schimpfte er. Wir waren inzwischen in einer Bucht, in der ein Feriendorf lag. In der Kombüse war wegen eines Lecks im Tank ein Feuer ausgebrochen. Dies war ein wirklicher Schadensfall auf dem Schiff. Der Koch hatte seine Hände verbrannt, sein Schnurrbart und seine Augenbrauen etwas gelichtet waren. Aber zum Glück nichts Ernsthaftes. Doch als hätte das nicht genügt, gab im Steuerraum ein Elektromotor den Geist auf. Gott sei Dank wurde das Ruder nicht beschädigt. Ibrahim glaubte nicht an diesen zweiten Schaden. Er hatte ja auch nicht ganz Unrecht, denn das war unser fünfter Tag in dieser Bucht. Baha war allerdings der Ansicht, dass auch der Brand in der Kombüse inszeniert war.
Ich hatte Verständnis für Ibrahim, es war klüger auf dem Schiff zu bleiben, als an Land zu fahren. Aber ich langweilte mich. Weil die Abendessenszeit auf dem Schiff das ganze Jahr über gleich blieb (die Dienstzeiten wurden dabei berücksichtigt!), hatten wir bereits um halb sechs zu Abend gegessen, um sechs Uhr verließen wir das Schiff. Die Grillparty würde frühestens zwei Stunden später beginnen. Als wir das Ufer erreichten, ging jeder seines Weges. Ich ging alleine weiter. Das Alleinsein gefiel mir eigentlich gar nicht, aber heute Abend war ich froh darüber. Ich bog in eine Parallelstraße zum Ufer ein, sie endete plötzlich an einem Eichenbaum, der sehr alt war. Die Straße links führte zu den Olivenhainen, die rechts hinunter zum Ufer. Ich kehrte um und kaufte mir in einem Kiosk mit der Aufschrift „Market“ Zigaretten. Das Ufer interessierte mich nicht, ich ging auf dem asphaltierten Weg, der zwischen den Olivenbäumen ins Landesinnere führte. Das Zirpen der Zikaden übertönte alles. Manchmal traf ich auf lachende, salopp gekleidete Jugendliche, die aus der entgegengesetzten Richtung kamen, braungebrannt. An einem Brunnen trank ich etwas Wasser und wusch mir das Gesicht. Dann durchquerte ich der Länge nach das Dorf, nach dem diese Bucht benannt war. Die meisten Gebäude waren renoviert. Vor den Geschäften waren Strandtücher, Badeanzüge, Kleidungsstücke und Badeshorts aufgehängt – für die Urlauber.
Als ich wieder am Hafen ankam, hatte ich noch eine ganze Stunde Zeit, bis unser Boot ablegen würde. Ich ging also in den Teegarten am Ufer. Die meisten Tische waren besetzt. Vor dem Tisch, an den ich mich setzte, saß ein Mädchen mit den Rücken zu mir. Sie hatte ein ärmelloses T-Shirt an, kurze Haare, ihre Ohrringe funkelten. Sie spielte mit einem Jungen Tavla. Ein anderes Mädchen, das sich mit den Ellbogen auf den Tisch aufstützte, sah ihnen zu. Ich bestellte mir ein Bier und dachte darüber nach, dass ich immer abhängiger von dem Schiff wurde: An Land zu sein beruhigte mich nämlich nicht mehr. Ich befürchtete, so zu werden wie Ibrahim.
Ich hatte bereits die Hälfte meines Bieres ausgetrunken, als an den Tisch vor mir fünf weitere junge Leute kamen – drei Mädchen und zwei Jungs. Das eine Mädchen hatte eine Papiertüte dabei und die anderen griffen hinein und entnahmen ihr Sonnenblumenkerne, die sie knabberten. Alle drei Mädchen hatten enge Jeans an, die sich wie Strümpfe an ihre Beine schmiegten. Darüber trugen Sie weit geschnittene Blusen aus einem Crinklestoff, und alle drei trugen breite Gürtel, sodass ihre schlanken Taillen betont wurden. Sie nahmen zwei Stühle vom Nebentisch, lachten und unterhielten sich. Das Mädchen legte die Papiertüte auf den Tisch und die Tavlaspieler nahmen sich daraus Kerne, ohne hinzugucken. Inzwischen hatte ich das Bier ausgetrunken. Ich blickte auf meine Uhr… – ich hatte noch etwas Zeit, also gab ich dem Kellner ich ein Zeichen, dass er mir noch ein Bier bringen sollte. Die jungen Leute am anderen Tisch waren etwa neunzehn, zwanzig Jahre alt. Sie waren gut aufgelegt, beschwingt lachten sie. Von dem blonden Mädchen konnte ich nicht meine Augen abwenden. Als ich sie sah, war ich wie vom Blitz getroffen. Ihre langen Haare hatte sie im Nacken mit einer Haarspange mit einer lila Blüte drauf zusammengebunden. Die Haarspange stand ihr gut, und es war ein schöner Anblick, wie sie seitwärts auf dem Stuhl saß und beim Lachen ihre Zähne zeigte. Auch auf ihrer Halskette war eine lila Blüte. Sie liebte offenbar diese Farbe. Ihre Zigarette hielt sie sehr elegant in der Hand. Sie hatte feine Finger, und die Fingernägel waren ebenfalls lila lackiert. Ihr Lachen wirkte hemmungslos. Der weit ausgeschnittene Ärmel ihres T-Shirts ließ mich ihren Busen sehen: Gemessen an ihrer braun gebrannten Haut, waren sie ziemlich weiß. Und sie waren sehr reizend – außerordentlich reizend.
Als der zweite Maschinist in den Teegarten kam und mir zurief: „Wir warten auf dich, das Boot legt gleich ab“, besann ich mich. Das war doch unmöglich; ich hatte vier Bier getrunken. Ich blickte das Mädchen an, in das ich mich verliebt hatte. Aber es hat mich nicht einmal bemerkt. Ich würde ihr ja doch nie wieder begegnen…
„Heute geht es mir sehr schlecht“, sagte Ibrahim. „Wenn ich den Kopf anlehne, würde ich sofort einschlafen. Aber seit Tagen konnte ich nicht schlafen. Manchmal passiert mir das. Ich wälze mich dann in der Koje und mir geht zu viel durch den Kopf. Ich sehe Hursit ständig vor mir. Dieses Warten bringt mich noch um. Wenn wir endlich fahren würden, wäre ich nicht so deprimiert.“
Ich blickte zum Ufer und rauchte. Ich malte mir aus, dass das Mädchen mit der lila Blüte in der schönsten Pension oder im schönsten Haus der Feriensiedlung wohnte. Ihr Fenster war eine Handbreit geöffnet, der Vorhang blähte sich auf, als würde er im halbdunklen Zimmer wie ein lebendiger Körper atmen. Ich stellte mir vor, dass die dünne Decke von ihrem Körper gerutscht war, ihre braun gebrannten Beine lagen auseinander, ein Knie war angewinkelt. Sie lag auf dem Bauch. Ihre Lippen waren leicht geöffnet. Ihre weißen Brüste, die mich schwindelig machten, waren in der Koje flachgedrückt.
„Woran denkst du?“, fragte mich Ibrahim.
Ich drehte mich um und schaute ihn an. Er nahm Fische vom Haken und warf sie in den Eimer.
Ich weiß nicht weshalb, aber ich log ihn an: „Dieser Maschinenschaden… Wann wird er nur endlich behoben sein, damit wir endlich weiterfahren können?!“
In Wirklichkeit wollte ich dieses Mädchen noch einmal sehen. Ibrahim wirbelte wieder die Angel und warf sie ins Wasser.
Während ich dem Aufschlagen des Bleis lauschte, schwamm ein Teil von mir ans Ufer.

 

Der Fisch

 

Ibrahim hatte die Nachricht mit hochrotem Gesicht und außer Atem überbracht. Die eine Hand hatte er an der halb geöffneten Tür, mit der anderen stützte er sich am Türrahmen ab und rief: „Das ist ja unglaublich!“ Ibrahim, der sonst immer so ruhig war, der seine Stimme nicht mal dann erhob, wenn er sich geärgert hatte, war in jener Nacht ziemlich aufgeregt. Auf seinem Gesicht gab es keine Spur von Müdigkeit. Ich hatte mich hingelegt und las ein Buch. Ich war so erstaunt, dass ich das Buch weglegte, ohne ein Lesezeichen zu setzen. „Was ist passiert?“, fragte ich. Er breitete seine Arme etwa einen Meter breit aus und machte eine Bewegung, als würde er etwas wiegen: „Guck’, so groß ist er!“
„Was ist denn so groß?“, wollte ich wissen.
„Der Fisch“, freute er sich.
Ich war beruhigt und lachte. Ibrahim, der alte Seemann und Angler, der schon viel größere Fische gefangen hatte (das erzählte er ganz stolz), war völlig aus dem Häuschen, weil er einen Fisch von einem Meter Länge erwischt hatte. Wir alle begannen wohl allmählich Verhaltensstörungen zu entwickeln. Das war sicher die natürliche Folge auf einem Schiff, das sich nicht vom Fleck rührte… – oder daran gehindert wurde. Inzwischen zählte ich die Tage nicht mehr, machte auch keine Berechnungen mehr. Ich überließ alles seinem Lauf.
Wieder lagen wir in einer Bucht vor Anker; der Ort, die Entfernung vom Zielhafen (ob wir den jemals erreichen würden?) waren mir inzwischen nahezu unwichtig, auch die Ausmaße des Defektes, die uns zu Gefangenen dieser Bucht machten. Diese Situation, die mich früher sehr gestört hatte, kam mir inzwischen schon fast natürlich vor. Wir würden eines Tages den Anker lichten, in See stechen und so lange fahren, bis der nächste Defekt eintrat. Wenn wir an Land gingen, kaufte ich mir mittlerweile Bücher. Nur so konnte ich der Umgebung, in der ich mich befand, entfliehen… –doch das klappte auch nicht immer.
„Lach’ nicht“, beschwerte sich Ibrahim.
Ich lachte noch immer: „Ich glaube es nicht.“
„Ich schwör’s auf den Koran! Niemand von uns hat jemals einen solchen Fisch gesehen. Wir kriegen auch den Haken nicht aus seinem Maul. Außerdem gibt er so komische Laute von sich.“
Das half. Ich musste mitgehen und mir den Fisch anschauen denn ich wollte Ibrahim nicht verletzen.
„Has du ihn gefangen?“, fragte ich ihn.
„Nein, der Maschinist!“
Dann war es wohl eine ganz andere Situation gewesen. Der Maschinist, über den sich alle dauernd lustig machten, hatte diesmal also einen dicken Fisch gefangen. Ab jetzt würde er sich aufplustern, noch dazu musste das gefeiert werden: Wir würden seine Getränke trinken und sein Knabberzeug essen. Ich zog also meine Stiefel an und lief hinter Ibrahim her. Die ganze Besatzung war auf dem Achterdeck. Anstelle des lauten Feierns, was ich erwartet hatte, war es jedoch ganz still. Alle schauten auf einen Punkt. Der Maschinist stand außerhalb des Kreises, den die anderen gebildet hatten, mit dem Rücken zu ihnen. Er stützte sich mit den Ellbogen auf die Reling und schaute aufs Meer. Er war wie ein trotziges Kind, das seinen Freunden böse war, weil sie ihn aus dem Spiel ausgeschlossen hatten. Auf dem Boden lag eine merkwürdige Kreatur, die wie ein Fisch aussah, aber keiner war. Das war das schwere Los des Maschinisten! Der Kopf des Tieres war etwa grapefruitgroß und erinnerte eher an einen Seehund; sah aber auch wie ein Mensch aus. Es war so groß wie Ibrahim es mir gezeigt hatte: etwa ein Meter lang. Es hatte keine Schuppen. Am Kopfende hatte das Tier eine Auswölbung, die wie ein Stachel aussah – wohl zu seiner Verteidigung. Eine solche Kreatur sah ich zum ersten Mal. Er öffnete und schloss das Maul immer wieder und manchmal schlug er mit dem Schwanz auf den Boden. Der Haken saß in seinem Gaumen fest. Unsere Blicke trafen sich. In seinem Blick lag Schmerz, Staunen und Hoffnungslosigkeit. Ich konnte nicht mehr hinschauen.
„Ich habe versucht den Haken herauszuziehen. Aber als er schrie, konnte ich es nicht“, sagte Idris. Er breitete die Arme aus und blickte hilflos.
„Er lebt doch noch“, sagte ich. „Schneiden wir die Schnur ab und werfen ihn wieder ins Wasser.“
“Aber der Haken…“
Niemand traute sich, den Haken herauszuziehen.
„Was sollen wir tun, Herr Maschinist?“, fragte Idris. Er war es schließlich, der ihn aus dem Meer gefischt hatte. Er musste darüber entscheiden.
„Fragt mich doch nicht“, erwiderte er. Seine Stimme war weinerlich. Er war sicher außer sich vor Freude, als an seiner Angelschnur ein dicker Fisch war. Aber dann verhedderte sich die Schnur. Idris half ihm (während sich die anderen über ihn lustig machten), und gemeinsam zogen sie ihn zusammen aus dem Wasser. Doch als dieser menschenähnliche Kopf, diese menschlich blickenden Augen an Bord waren, erschraken sie.
„Der Haken ist noch in seinem Maul“, bemerkte Ibrahim.
„Wenn schon“, erwiderte ich. „Wenn wir noch länger warten, stirbt er. Wir müssen ihm eine Chance geben.“
In diesem Augenblick hörte ich diesen Aufschrei, diese hohe Stimme, die ich nie vergessen werde. Die Kreatur begann mit dem Schwanz zu schlagen, als hätte sie das Gesagte verstanden. Das Tier wollte so schnell, wie möglich ins Meer zurück. Idris holte sein Messer aus der Tasche und schnitt die Schnur ab. Er bat Gott um Hilfe, fasste es beherzt unter den Kopf und unter den Schwanz, und hob ihn hoch, ohne ihm weh zu tun. Als der Fisch mit den riesigen Augen sein Maul öffnete und schloss, war der Haken zu sehen. Idris ging, ohne seine Miene zu verziehen, mit ernstem und auch traurigem Gesicht, ganz bedächtig als würde er seinen kranken Sohn tragen, zum Bug. Dort lehnte er sich so weit wie möglich über die Reling (Ibrahim hielt ihn an der Taille fest) und ließ den Fisch ins Meer gleiten. Wir sahen, wie er erst im Wasser versank, aber dann wieder nach oben kam. Alle schwiegen. Eine Weile lag er auf dem Wasser wie ein Stumpf, und ich dachte schon, er wäre gestorben. Außer dem Maschinisten hatte wohl jeder das Gleiche gedacht. Aber er hatte wohl keine Kraft mehr, die Ereignisse zu verfolgen. Er konnte auch nicht in seine Kajüte gehen. Er hielt sein Kinn und schaute woanders hin. Zuerst bewegte sich der Schwanz des Fisches, dann sein Kopf. Bevor er gänzlich im Wasser verschwand, schaute er traurig zu uns hinauf. Sein Maul, das wegen des Hakens etwas geöffnet war, schien uns etwas sagen zu wollen. Wir wussten, dass er mit dieser Wunde nicht überleben würde. Der Maschinist war daran nicht schuld, niemand war schuld – auch das wussten wir. Wir schauten alle aufs Meer, auf den Punkt, an dem der Fisch verschwunden war. Eine Weile herrschte Stille. Dann sammelten alle ihr Angelzeug zusammen.

Idris, Baha, Ibrahim und ich waren in der Kajüte des Maschinisten. Wir tranken Whiskey. Sogar der Maschinist trank. Er trank sein Glas schneller aus als wir, dann ging er wieder zu seinem Spind und schenkte nach. Nicht einmal Idris hatte ihn bisher so viel trinken sehen. Wir blickten uns besorgt an und signalisierten mit den Augenbrauen: Was ist bloß mit dem Mann los? Er rauchte auch, eine nach der anderen. Es war Baha, der ihm jedes Mal Feuer reichte. Der Maschinist drückte seine riesige Hand an die Brust und sagte: „Danke!“ Um den riesigen Salatteller mitten auf dem runden Beistelltisch (man kann ruhig behaupten, dass dies ein großer Tisch war), der übervoll mit Knabberzeug bedeckt war (Fehmi, der Zimmerkellner, hatte den Salat in die Kajüte gestellt. Aber er trat ein, als würde er zu einem Toten gehen. Es stimmte ja, der Maschinist sah wirklich schlimm aus), kümmerte er sich überhaupt nicht. Der Mann, der sonst immer massenhaft Knabberzeug aß, war in dieser Nacht in einem merkwürdigen seelischen Zustand. Den Grund kannten wir ja: jener komische Fisch. Und er hatte Recht, es war schon so: Wer auch immer diesen Fisch gefangen hätte, würde wohl das Gleiche durchmachen. Wir tranken unseren Whiskey, einen nach dem anderen, aber trotzdem kam keine lustige Stimmung auf. Idris hatte wohl gedacht, dass jemand etwas sagen müsste, denn er begann mit den Worten: „Der da“, sein Gesicht verfinsterte sich, er schüttelte bedächtig den Kopf, „war ein gemeiner Fisch. Ich habe davon gehört, dass er manchmal bei Seeleuten anbiss!“
„Er wird Unglück über uns bringen“, jammerte der Maschinist. Er schien wirklich sehr besorgt zu sein. „Ich mag diese Bucht sowieso nicht mehr. Niemand will an solch einer Stelle bleiben. Aber der Defekt…“
„Der Defekt…“, wiederholte Idris. Er sagte das mit einer zu der jammernden Stimme des Maschinisten passenden Betonung, denn unsere Gläser waren inzwischen leer. Weil wir nicht wollten, dass sich unsere Blicke trafen, blickten wir in unsere Gläser. Wir waren gerissen genug, um nicht loszulachen, aber man konnte ja nicht wissen…
Der Maschinist seufzte schwermütig, als er zum Spind lief, um die Whiskeyflasche zu holen. „Gott sei Dank! Der größte Schaden wurde ja schon repariert. Wenn Gott will, stechen wir morgen früh in See!“
„Hoffentlich“, sagte Idris nur.
„Diese Bucht…“, begann der Maschinist erneut, dann schwieg er. Er trank aus und setzte das Glas entschlossen auf den Tisch ab. Er war soweit, er würde jetzt nichts mehr trinken. Wir mussten also auch austrinken und gehen. Also verabschiedeten wir uns:
„Mit Ihrer Erlaubnis. Gute Nacht!“
„Schaut“, hielt er uns zurück. Wir standen bereits an der Tür. Er blickte uns nicht an, sondern schaute irgendwohin – jenseits von uns. Er sah gequält aus, als ob er die Worte, nach denen er gesucht hatte, nicht gefunden hätte. „Schaut“, wiederholte er und kratzte sich am Kinn. Noch immer blickte er auf diesen fiktiven Punkt. „Niemand darf von diesem Vorfall mit dem Fisch auch nur ein Wort verlieren. Sagt das auch euren Kameraden! Vergessen wir diese Geschichte.“
“Ist schon vergessen, Herr Maschinist“, sagte Idris. „Niemand wird darüber auch nur ein Wort verlieren!“
„Danke euch! Gute Nacht. Wie gesagt, morgen früh geht es los, macht euch bereit.“
Fehmi hatte Tee zubereitet. Alle redeten über jene Kreatur und schimpften auf den Maschinisten. Auch wir schenkten uns eine Tasse ein. Alle waren schlecht gelaunt.
„Fisch, Fisch, Fisch… – jetzt hast du deinen Fisch!“ Idris beugte seinen Arm und wedelte mit ihm nach oben zur Kajüte des Maschinisten. „Die Maschine ist fast repariert. Hier, jetzt hast du deinen Fisch!“
„Wenn er noch mal angelt, will ich kein Mensch sein“, sagte Ibrahim.
„Das geschah ihm Recht, dem Dreckskerl.“
„Habt ihr die Augen des Fisches gesehen?“, fragte Baha. „Er blickte wie Hursit.“
„Gott verzeih uns!“, murmelte Idris.
„Mit Gott hat das nicht zu tun, Chef! Der Maschinist hat das selbst gemerkt.“
„Aber Moment mal…“ Idris streckte seine Hand zu Baha aus. „Hursit ist doch nicht seinetwegen gestorben.“
„Das habe ich ja auch nicht gesagt. Ich sagte nur, dass der Fisch so geguckt hat wie Hursit.“
„Mir ist seine Stimme die Haut gegangen“, sagte Ibrahim. „Ich habe sie noch immer im Ohr.“
„Schließen wir dieses Thema ab“, beendete ich. „Wie der Maschinist gesagt hat: vergessen wir es und reden nie wieder darüber!“

Aber wir konnten es nicht vergessen. Der Fisch schwamm tagelang hinter unserem Schiff her, mit dem Haken in seinem Maul. Weder den Blick konnten wir vergessen, noch seine Stimme. Er hob immer wieder seinen Kopf aus dem Wasser und blickte uns an. Und seine Stimme schien von uns wegen des Hakens Rechenschaft zu fordern. Aber wir würden nie mehr in irgendwelchen Buchten länger als nötig vor Anker liegen. Die NOHAP würde ab jetzt nie wieder einen Defekt haben, und unser Schiff würde nie mehr weinen.
Aber unser Maschinist…
Unser Maschinist trank jede Nacht mehr und mehr. Das war eben die Regel: Das Meer war Sache derer, die es aushielten!

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Von CEMIL KAVUKCU in deutscher Sprache erschienen:
GAMBA - Roman
DIE TRÄUME EINES ANDEREN - Erzählungen