türkische Literatur: kücük iskender, Weisheit der Sinne

kücük iskender:


Weisheit der Sinne
Notizen für Rimbaud


Gedichte & Essays


120 Seiten
Aus dem Türkischen
und Nachwort: 
Beatrix Caner
 

Auflage: 1.
Januar 2011
ISBN: 978-3935535250

 

LESEPROBE:

 

Paris

Diese Karte schicke ich dir aus Paris
Mitten in einer sehr türkischen Liebe
In der Höhle eines sehr türkischen Regens
In der Erosion des letzten Rauches im doppelten Papier 
In einer schönen Zeit
der Worte
der mich erniedrigenden, mich verachtenden Worte
Als ich vor gefährlichen, bedrohlichen Tieren gerettet,
zu mir selbst
einen Ausweg fand
Diese Karte schicke ich dir aus Paris
Heute hat Blau eine außergewöhnliche Stimmung
Heute hat der Wind eine besondere Eleganz
denn heute haben die Vögel Geburtstag, Geliebter!
Heute haben wir mit den Vögeln sehr lange 
über dich, über deine fahrigen Hände gesprochen,
heute haben wir für die Vögel dein Bild gemalt
auf alle Wände der Polizeiwache
wir dachten an dich und aßen ein paar belegte Brote, tranken ein wenig Wasser, 
heute schenkte ich deinen Namen den Vögeln!
Sind nicht die unnötigen Gelenkschmerzen, die Krisen
ein Tropfen Blut in meinen glanzlosen Augen?
Auf meiner schuppigen Haut legen die Spritzen Fallen 
Während in mein Vagabundenherz das
steht
Dann schlägt
Dann wieder stehen bleibt
in ihrer vollen Pomp, als wäre sie eine Droge
heiße Elektrizität sich entlädt
in ihrer Benebelung
frierend, hungrig
ich den Kragen meiner kurzärmeligen Jacke hochschlage
In meinem Verhör frage ich die immerwährende Frage:
Warum haben wir uns getrennt?
(die Antwort ist gebraucht, trägt das Risiko einer Aids-Infizierung)
 

wieso haben wir geschwiegen?
(die Antwort ist massenhaft vorhanden in Ghettomärchen)
warum wir balgend, vereint ein Verbrechen begingen?
In welchem Maße in welchem Stil fasele ich jetzt dummes Zeug?
Kann ich auf den Straßen als zum Gitarristen Konvertierter
Laufen, kann ich Luft bekommen?
Kann ich scheißen?
Ich bin an meinen schrecklichsten Stellen
An meinen tiefsten Geheimnissen in der Eile verletzt 
Ein verfluchter Anarchist von dreiunddreißig
In seinem Rücken siebenundsiebzig Stiche eines Handschars
Ein Magnum, einem Polizisten abgeschlagen, und ich
prügele auf die Fenster der Nacht, auf die Fotzen der Nutten ein
Oder
Mit meinen nackten Füßen zertrete ich leere Arzneiflaschen
Und während sich alles, alles rot färbt, beruhige ich mich,
über mein Gesicht, widerlichen Geiern gleich,
die einen Sterbenden belagern, schwebt 
meine Seele!
Ich glaube
Die Karte
Schicke ich dir aus Paris!

Wie auch immer,
warum bin ich hergekommen, woher bin ich gekommen, warum bin ich hier?
Als wäre ich Weizen im Brot, der sich nach der Erde sehnt!
Geliebter, was bin ich nur für ein Schäbiger, dass
Ich an die Stelle der gerissenen Saite Mi eine Träne
Spanne
Ja! Ja!
Ich renne, ich falle, ich schreie,
weine
als mich
der Faschismus besiegt
als der Abstand zwischen
Jäger und Beute sich verringert
Ein gescheiterter Rebell von dreiunddreißig
In seinem Arsch siebenundsiebzig Peniswunden
Höchstwahrscheinlich
Schicke ich dir diese Karte
Aus Paris.

Weisheit der Sinne