Konturen ...

Konturen, widersprüchlich …*
von Beatrix Caner  © - alle Rechte vorbehalten


 

 "Seit meiner Geburt trage ich Trauer"

 

 Als küçük iskender - er schreibt seinen Dichterpseudonym klein - seine ersten beiden Gedichtbände gegen Ende der 1980er Jahre im Verlag Adam Yayınları publizierte, war die türkische Literaturszene - teils offen teils heimlich - schockiert. Grund dafür war wohl in erster Linie die Person des Debütanten, die so gar nicht in das Weltbild der entmachteten Leitfiguren der türkischen Literaturszene passte. Immerhin mussten seine Eigenheiten vor einer Matrix interpretiert werden, die in der politisch-gesellschaftlichen Lage der Türkei begründet erscheinen, nämlich in den umwälzenden Folgen des Militärputsches von 1980. Einerseits waren die Gedichte dieses jungen Unbekannten dichterische Hochleistungen, zeugten von einer fundierten und einzigartigen Bildung, gleichzeitig von einer ungewöhnlichen poetischen Kraft. Sie waren Ausdruck eines auf beispiellose Art rebellischen Geistes, einer skandalös-radikalen Auflehnung gegen jegliche Form von Unterdrückung und jede noch so kleine faschistoide Regung. Seine Gedichte waren gleichzeitig Zeugnisse einer zerbrechlichen Persönlichkeit und einer mühsamen Identitätssuche, die - so musste man damals annehmen oder befürchten - jeden Tag in einer Selbsttötung enden konnte. Überdies bekannte sich der Dichter offen zu seiner Homosexualität. Und all diese - als Widersprüche empfundenen - Eigenheiten schienen für die etablierten Schriftsteller meistens nicht zusammenzupassen oder aber literarisch unvertretbar zu sein. So schlug ihm demnächst eine Welle der Ablehnung und Herabwürdigung entgegen.

Die persönliche und künstlerische Entwicklung Derman Iskender Övers - küçük iskenders bürgerlicher Name - wurde von drei Faktoren wesentlich bestimmt: von einem despotischen Vater, von dessen Bibliothek, die für türkische Verhältnisse mit besonderen (meist verbotenen) Werken bestückt war, und vom Militärputsch im Jahre 1980.

 Der Vater, Derviş Över, war in der Türkei eine bekannte Persönlichkeit - als Kunstmaler und als Kommunist. Als Absolvent der Kunstakademie von Istanbul war er dafür prädestiniert, zu der Elite der türkischen Gesellschaft zu gehören. Seine Familie und die Familie seiner Ehefrau waren tatsächlich großbürgerlich und europäisch orientiert. Doch war das Familienleben trotzdem alles andere als sorgenfrei und harmonisch. Der Vater war zuhause ein Despot, der seine Frau und seine Kinder schlug und eine ganze Reihe von strengen Regeln und Verboten aufstellte. So durfte iskender nicht außerhalb der Wohnung spielen oder Freunde zu sich einladen. Wohl auch deshalb begann er in sehr frühen Jahren schon die Bücher aus der Bibliothek seines Vaters zu lesen.

 Diese Bibliothek war etwas Besonderes. Obwohl in der Türkei viele Bücher, insbesondere "kommunistische" Werke verboten waren, verfügte der Vater über einen reichhaltigen Bestand an marxistischen und anarchistischen Werken. So lernte iskender als Kind schon Grundwerke sowohl des Marxismus als auch weiterer linker Theorien kennen. Dabei handelte es sich sehr wohl um niveauvolle, erstrangige Werke und Autoren der einschlägigen Literatur. Bakunin gehörte ebenso dazu wie Boris Vian oder Ilja Ehrenburg, aber auch türkische Autoren wie Oğuz Atay, der die Entfremdung der Intellektuellen in modernen Staaten brillant thematisierte.

 Unter dem Einfluss dieser Autoren und deren Bücher entwickelte sich die literarische Grundhaltung des angehenden Dichters ebenso wie sein sicherer, unfehlbarer stilistischer Spürsinn. Seine Dichterpersönlichkeit erhielt aus dieser Bibliothek grundlegende Impulse und seine Haltung feste Konturen.

 Das Studium der Medizin fällt in die 1980er Jahre und ist sicher mehr als ein unbedeutendes Intermezzo. Offenbar auf Wunsch der Familie studiert iskender an der berühmten medizinischen Fakultät Cerrahpaşa, bricht aber kurz vor dem Examen dieses Studium ab, wechselt in das Fach Soziologie, verlässt allerdings die Hochschule erneut ohne Abschluss. In dieser Zeit scheint sein Entschluss, Dichter zu werden, fest zu stehen.

 Möglicherweise hätten weder der despotische Vater noch die gelesenen klugen Werke ausgereicht, um den zünden Funken für eine dichterische Karriere zu ergeben, wenn nicht der Militärputsch von 1980 alles in eine verheerende Richtung gesteuert hätte.

 Zunächst war dieser Putsch für die Familie Över eine private Katastrophe: viele Parteifreunde des Vaters wurden verhaftet und zum Teil schwer gefoltert. Diese Situation war für Derviä Över so unerträglich, dass er seine Familie in dieser eh schon schweren Situation verließ. iskender, der von seinem Vater ein verantwortungsvolleres Verhalten der Familie gegenüber erwartet hatte, war darüber so empört und enttäuscht, dass er den Kontakt zu ihm abbrach. Erst Jahre später hat er über diese Umstände in einem Zeitungsartikel offen berichtet. Wie er in einem späten Gedicht 2004 - Jahre nach dem Tod des Vaters - schrieb, haben andere seinen Vater begraben.

 Der Militärputsch und seine Folgen, die Einschnitte im privaten Leben des jungen Mannes gaben seiner Persönlichkeit einen - wenn auch nicht letzten, so doch entscheidenden - Schliff. Denn küçük iskenders Debüt fiel in eine politische Ausnahmezeit. Der besagte Militärputsch von 1980 krempelte die Türkei so gründlich um wie kaum ein anderes Ereignis je zuvor. Zwei Jahrzehnte Chaos, Terror und gesellschaftliches Desaster wurden vom türkischen Militär mit einem Schlag beendet. Bei diesem dritten Putsch innerhalb von 30 Jahren war die militärische Führungsriege entschlossen, die Weichen so zu stellen, dass gesellschaftliche Entwicklungen nicht mehr aus der Kontrolle gerieten. Auch dieses Mal wurden die meisten Intellektuellen des Landes - allen voran die Schriftsteller - inhaftiert und viele von ihnen wurden zu einer Gefängnisstrafe verurteilt (allerdings muss man vermerken, dass auch viele führende Politiker des Landes verhaftet wurden und viele von ihnen eine Haftstrafe verbüßen mussten, manche wurden mit einem Berufsverbot belegt). Wer es nur irgendwie einrichten konnte, flüchtete ins westliche Ausland: nach Deutschland, Schweden oder Frankreich. Die Schriftsteller, die in der Türkei geblieben waren und die um die Mitte der 1980er Jahre nicht in den Gefängnissen saßen, haben sich eine Selbstzensur auferlegt und äußersten sich nur vorsichtig zu politischen Themen. Institutionell hatten sie sowieso schon eine ganze Reihe Einbußen hinnehmen müssen: Die Autorengewerkschaft wurde aufgelöst, mehrere Berufsverbände verboten, ebenso eine Reihe von literarischen Zeitschriften, die sich mit einem politischen Profil etabliert hatten.

 Die meisten der türkischen Schriftsteller waren davon überzeugt, dass unter solchen Repressalien keine Literatur mehr möglich sei. Trotzdem tauchten in den 1980er Jahre zwei herausragend wichtige neue Namen auf dem "literarischen Himmel" der Türkei auf, die dafür prädestiniert erschienen, ein großes Werk zu erschaffen: Orhan Pamuk und küçük iskender. Während Orhan Pamuk von manchen türkischen Kollegen sehr schnell als Nutznießer des Putsches abgestempelt wurde, konnte man küçük iskender nicht so eindeutig in eine bestimmte Ecke stellen. 

 Das Debüt küçük iskenders war für die etablierten Kollegen aus mehrerer Hinsicht eine Herausforderung. Er stammte aus einer bekannten, großbürgerlichen Familie, war rebellisch, den-noch schien er sich ideologisch nicht verpflichtet zu haben, sondern auf eine ungewohnte Weise individualistisch zu sein. Er lebte seine Homosexualität offen und stand dem ebenfalls homosexuellen Dichter Ece Ayhan, der damals sehr berühmt war, nahe. Was lag da näher, als den Debütanten als "marginal" abzustempeln. Marginal: weil nicht nur homosexuell, sondern auch anarchistisch, konsequent eigentümlich, überdies exzessiv zerstörerisch und subversiv. Dabei konnte die alles entscheidende Frage "links oder rechts?", nicht beantwortet werden. Einen neuen Dichter zu akzeptieren, der seine bürgerliche Herkunft abstreift, seine radikale Haltung ohne politische Stellungs- und Rücksichtnahmen verkündet, der zudem mit den Größten der Weltliteratur vergleichbar ist, schien für Kollegen nicht ohne Weiteres akzeptierbar zu sein - insbesondere in der gegebenen politischen Situation.

 küçük iskenders Kühnheit, sich nicht zu verstellen und sich nicht bei den arrivierten Kollegen anzubiedern, stattdessen ein "Seismograph des Verfalls" zu sein, hat die türkische Literaturszene (lange Zeit) nicht verstanden. Dennoch: eine ganze Reihe wichtiger literarischer Preise, eine treue Leserschaft und Anhänger zeugen heute davon, dass küçük iskender inzwischen ein anerkannter und akzeptierter Dichter ist. Einladungen zu Seminaren an türkischen Hochschulen beweisen, dass seine Ansichten über die Literatur mittlerweile auch in akademischen Kreisen ernst genommen werden.

***

 Intensive Unterstützung fand küçük iskender am Anfang seines literarischen Weges bei Memet Fuat, der Herausgeber einer - im Nachhinein angesehenen - Literaturzeitschrift (Adam Sanat) war, und der den gleichnamigen Verlag (Adam Yayınları) mitbegründet hatte. Memet Fuat, der Adoptivsohn des weltberühmten Dichters Nazım Hikmet, war in der türkischen Literaturszene selbst oft auf das Heftigste angefeindet worden, denn man unterstellte ihm Elitarismus. In Wirklichkeit war er allein auf literarische Qualität bedacht - eine Haltung, die in politisch akuten Zeiten auf wenig Vorliebe stößt. Memet Fuat ebnete den Weg küçük iskenders auf vielerlei Weise - was dieser ihm in einem Essay, das wir in dieses Band aufgenommen haben, dankte.

 "Die Einladung zur Lektüre […] müsste man mit einer Sperrklausel versehen:
Nur für radikale Minoritäten geeignet."

 

 Schon am Anfang, als noch das Thema der Selbstsuche und der Selbstdefinition die Gedichte des jungen Dichters dominierten, war die außergewöhnlich hohe dichterische Qualität klar zu erkennen und auch, dass er sich nicht nur zu den Größten der türkischen Literatur gesellen, sondern seinen Platz auch in den Reihen der Weltbesten finden würde. Mehr noch als diese Themen zog seine symbolträchtige, aber gleichzeitig unkonventionelle und oft auch subversive Sprache die Aufmerksamkeit auf sich, denn sie war einerseits präzise, andererseits scharf wie eine Handschar, rationell, verletzend aber glasklar. Sie wirkte in der türkischen Literatur wie eine boshafte Attacke. Ciorans Feststellung in Bezug auf die Sprache eines guten Literaten ist für küçük iskender programmatisch: "Keine literarische Originalität ist möglich, wenn man die Sprache nicht foltert, wenn man sie nicht zermalmt."

 Dieser Devise schien küçük iskender von Anbeginn an zu folgen und er definiert die Sprache als seine Identität: "In Wirklichkeit war ich Wort / doch nicht mal als Laut wurde ich wahrgenommen."

 In dem frühen Gedicht "Meridiane meiner Welt" ist bereits das ganze Spektrum einer sprachgewaltigen Radikalität präsent, die als Kennzeichen küçük iskenders gelten kann. Und bereits dieses frühe Gedicht beweist, dass die Frage, ob Anarchie und Lyrik zusammen möglich sind, bejaht werden kann.

 Dieses Gedicht, das als eine langatmige Bestandsaufnahme persönlicher Erfahrungen, gleichzeitig als eine dichterische Standortbestimmung und gesellschaftliche / politische Stellung-nahme gelesen werden kann, verweist schon sehr früh auf eine - vielleicht nur zufällige - literarische Seelenverwandtschaft, auf eine Parallele: auf Paul Celan.

 Diese Parallele erscheint mir deshalb bedeutend, weil küçük iskender, der sehr viele Literaten als seine Vorbilder be-nennt, Paul Celan nicht erwähnt. Dabei sind sprachliche und thematische Ähnlichkeiten - ja, geradezu Entsprechungen - besonders augenfällig.

 Paul Celans Gedichte werden als "dunkel" und "hermetisch" bezeichnet - das gilt für die Dichtung küçük iskenders ohne Einschränkungen. Die vielfach entfremdeten, zu neuen, auf den ersten Blick disharmonisch wirkenden Zusammenfügungen stilisierten Wort- und Satzkonstruktionen und die verletzende, dennoch sehr bildhafte Sprache beider Dichter drückt persönliche Betroffenheit, Trauer und gleichzeitig Widerstand aus. Und beide Dichter lehnen "das System" ab, beide kommen damit und darin nicht zurecht.

 Diese Art des Umgangs mit der Sprache zeugt von einer intensiven Auseinandersetzung mit der tieferen Bedeutung der Begriffe, oft bis in die letzte Konsequenz der Handlung, die die Worte beschreiben sollen. Das Entziffern verlangt von dem Leser ein ebenso intensives Mitdenken. Dennoch: die Aussageintention erschließt sich aus der ungewohnten Form und aus den ungewohnten Sinnkorrelationen und man erahnt und erfühlt, dass hier die Totalitarität eines etablierten Systems in Frage gestellt wird.

 Dieses System benennen beide Dichter als "Faschismus". Während Celan mit dem deutschen Faschismus sehr konkrete und tragische Erfahrungen gemacht hatte, stehen derartige Erfahrungen küçük iskenders - zumindest auf den ersten Blick - nicht zur Diskussion. Doch sein persönliches Empfinden ist dem Celans sehr ähnlich gelagert, denn die Zeit der Militärregierung war für ihn schmerzhaft prägend. Jene allgemeine Haltung, die manche religiös-konservative Kritiker bei ihm - mitunter aber auch er selbst - als "Underground" bezeichnen, ist letztlich ein Standpunkt jenseits der realen, wohlgeordneten bürgerlichen Gesellschaft. Dass darin weder Celan seinen Platz gefunden hat noch küçük iskender ihn findet, ist nur allzu konsequent. Auch der letzte Schritt, die Flucht in eine Utopie, ist beiden nicht möglich. Celan hat die Möglichkeit einer wie auch immer gearteten Utopie (er schrieb konsequent U-topie) stets ausgeschlossen, küçük iskender kommt nach Abwägung des "Für und Wider" zu dem Schluss, dass Utopie als eine virtuelle Flucht, als ein Ort jenseits aller Systeme und vor allem als ein Traum denkbar sein müsste. Als ein Ort, an dem alle staatlichen Gesetze und vor allem ihre Durchsetzungsgewalt aufgehoben ist. Vielleicht ist eine solche Utopie heute eher denkbar, als zu den Zeiten Celans. Ein Trost wird das sicher nicht sein.

***

Mit diesem kleinen Band erhalten deutsche Leserinnen und Leser erstmalig Einblicke in das poetische Universum eines ungewöhnlichen türkischen Dichters. Mögen die Ausführungen zu den Einflüssen, die ihn prägten und die kurzen Hinweise auf seine poetologischen Mittel eine Anregung für freie Interpretationen sein. Eine Analyse seiner Gedichte wäre ein "falscher Umgang", eine Nichtachtung seines Wunsches, undefiniert und „unkategorisiert“ zu bleiben. Wie Cioran es ausgedrückt hat: "Ein Gedicht auseinander zu nehmen, wie man ein System zergliedert, ist ein Verbrechen, ja ein Sakrileg."