Ein Türke in Paris

Ein Türke in Paris

 

 Gedanken zum Roman „Bir Sürgün“ (Ein Verbannter)
von Yakup Kadri Karaosmanoğlu

 

© Beatrix Caner

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Eine besondere Prägung verdankt die jüngere türkische Literatur diesem vielseitigen, europäisch geprägten und hochgebildeten Autor, dessen bekanntester Roman, Yaban (Der Fremdling, 1932; dt. 1939 u. 1989), heftige Auseinandersetzungen in literarischen und politischen Kreisen der jungen Türkischen Republik (1923) verursacht hat. Heute noch wird dieser Roman sehr emotionsgeladen diskutiert. Aus dem abstrakten Raum der Literatur wurde der Roman Yaban mit Leidenschaft in die ausschließliche Wirksamkeit einer gesellschaftlichen Realität verwiesen, der Autor sah sich nach der Veröffentlichung (1932) einer plötzlichen Flut von Attacken ausgesetzt, die sein Leben bedrohten. Als federführender Mitarbeiter als Herausgeber, aber auch als Autor politischer und ökonomischer Artikel bei der Zeitschrift Kadro war die Stimmung gegen ihn ohnehin schon angeheizt: Seine latent marxistische Orientierung und seine Präferenz für eine Planwirtschaft nach dem Vorbild der Sowjetunion wirkten auf die entschlossen emporsteigende Schicht machthungriger Provinzler als massive Behinderung der eigenen Interessen. Yakup Kadri - der enger Vertrauter und Kampfgenosse Atatürks war, dessen politische Macht schon in den 1930er Jahren von der gleichen hoch strebenden Schicht mehr oder weniger offen in den Hintergrund gedrängt wurde - war einer politischen Hetzjagd ausgesetzt. Atatürk konnte das Leben dieses hochkarätigen Autors nur retten, indem er ihn als Botschafter nach Tirana entsandte. Zu diesem schicksalhaften Zeitpunkt (1934) befand sich das literarische Schaffen Yakup Kadris auf dem Höhepunkt, seine Anerkennung allerdings erreichte einen Tiefpunkt.

Die Begeisterung für die Literatur führte den jungen Yakup Kadri zu den bekannten Autoren und Dichter der osmanischen Zeit und er zog nach Istanbul, um an den regelmäßigen Treffen teilnehmen zu können. 1909 begann er seine ersten Werke zu publizieren (in den Zeitschriften Servet-i Fünun, Şiir ve Tefekkür, Rübap, Ikdam) und wurde Mitglied der legendären literarischen Gesellschaft Fecr-i Âti, bei der er schnell zu einer der wichtigsten Persönlichkeiten avancierte. Sein öffentlicher Auftritt bei der Gründungsveranstaltung dieser "Gegen-Literatur"-Bewegung war zugleich der Beginn seines bedeutenden literarischen Schaffens. Von den anfänglichen Schilderungen seiner persönlichen, inneren Welt im Banne Maupassants, Ibsens, Flauberts - was ihn zugleich der Idee l´art pour l´art verpflichtete – entfernte er sich schon nach kurzer Zeit. Mit der Fremdbesetzung Istanbuls (1918) vollzog er einen wichtigen künstlerischen Paradigmenwechsel und engagierte sich gesellschaftlich. Auf individueller, mystisch angehauchter Weise verschmolz er von nun an das Persönliche mit dem Gesellschaftlichen und entwickelte so sein unverwechselbares Stilgefühl. Seine politische Laufbahn spielte dabei eine maßgebliche Rolle: Die Erfahrungen, die er als Mitkämpfer im Befreiungskrieg, dann als Abgeordneter und später als Botschafter der Türkischen Republik sammelte, waren realistischer Hintergrund seiner literarischen Werke. In diesen Werken hat er, streng systematisch und geradezu akribisch, in einer eigenwilligen, zeitlich verkehrten Anordnung (von der jüngeren Zeit zurück zum Osmanischen Reich) gravierende Fehler und Defizite der türkischen Gesellschaft – sowohl während der Zeit der neuen Türkei als auch in der Ära des Osmanischen Reichs - in eine harmlos wirkende Sprache „verkleidet“ in ein kritisches Licht gestellt, manchmal so harmlos wirkend, als ginge es lediglich um die äußerst private Angelegenheit eines missverstandenen Misanthropen.

Vernichtende Kritik, bitterböse Angriffe aus den Lagern der Angeprangerten haben ihn von seiner außerordentlich undankbaren Aufgabe nicht abhalten können. Heute sind seine Romane wertvolle Quellen, in denen nicht die schöngeredeten Dinge tabuisierter Zeiten und heroisierter Figuren, sondern eine dokumentarische Realität den Lesern mit literarischen Mitteln zugänglich gemacht wird. Seine Memoiren sind eine weitere Quelle und ein Zeitdokument, sie liefern Porträts von Zeitgenossen, die in Literatur, Politik und Gesellschaft eine wichtige Rolle gespielt haben und warten mit vielen Details auf, die diese Menschen hinter ihrer öffentlichen Fassade sichtbar machen.

Seine neun wichtigsten Romane, die den Weg von der osmanischen zu der türkischen Gesellschaft nachzeichnen, wirken, einzeln betrachtet, wie sehr persönliche, nicht zu verallgemeinernde Erlebnisse von Menschen (meist Intellektuellen). Diese Menschen sind fast immer durch irgendein Handikap - z.B. durch den Verlust eines Armes im Roman Yaban, durch Verlust des kulturellen Haltes im Roman Bir Sürgün, durch Verlust der "Zeit" in mehreren Romanen - aus dem Zentrum des Weltgeschehens verdrängt worden. Sie steuern, mal mehr mal weniger schnell, auf ein Scheitern zu, während all ihre schmerzlichen Erlebnisse scheinbar nicht auf konkrete Gründe zurückgeführt werden können. In der Gesamtheit ergibt sich aus diesen neun Romanen allerdings ein systematisch aufgebautes Netz mit einer übergeordneten Aussage. In dieser Gesamtheit stellt der Autor das Paradigma vom Untergang des Osmanischen Reiches, beginnend Mitte des 19. Jahrhunderts mit dem Reformzeitalter, über die Gründung und Entwicklung der Türkischen Republik bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts dar, als der Traum von der türkischen Revolution endgültig gescheitert erscheint.

Teil dieser neunteiligen Romanreihe ist „Bir Sürgün“ (ein Verbannter), erschienen 1937, der zu den weniger bekannten Werken zählt. Ungewöhnlich wenig Beachtung schenkte die türkische Literaturkritik diesem Roman, entsprechend wenige - vor allem zutreffende - Aussagen darüber sind vorhanden. Seine literarische und gesellschaftliche Bedeutung wurde zweifellos nicht erkannt. Gründe dafür gibt es genug: An erster Stelle steht die überspannte Erwartungshaltung, einen Roman über die Jungtürken und ihr politisches Wirken in Paris zu lesen. Gerade diese Erwartung aber wurde enttäuscht, denn diese Gruppe bildet keine treibende Kraft, steht nicht im Vordergrund des Romans. Außerdem ist die Sprache mit französischen Ausdrücken (zum Teil in verschiedenen Dialekten), Begriffen der westlichen Philosophie, der christlichen und islamischen Mystik, der europäischen Kulturgeschichte sowie spezifischen Hinweisen, Anspielungen und Bezügen gespickt, so dass nur wenige türkische Kritiker den Roman in allen seinen Aspekten, Nuancen und Dimensionen zu erfassen vermochten. Darüber hinaus - und dies ist vielleicht der eigentliche Schlüssel zum Roman - erschließen sich viele Bezüge, aber auch offen geschilderte Erlebnisse des Helden, jenen Lesern besser, die selbst als fremde Intellektuelle in einem industriell hochentwickelten westeuropäischen Land gleichen oder ähnlichen Konflikten, latenten oder offenen Diskriminierungen, einem zynischen Spott, Nichtbeachtung und sogar der gefühlskalten Zurückweisung ausgesetzt waren oder sind, wie die türkische Hauptfigur dieses Romans im Paris des ersten Jahrzehnts des 19. Jahrhunderts. Die Tatsache schließlich, dass Yakup Kadri bei Kulturorganen des jungen türkischen Staates arbeitete, Abgeordneter des Türkischen Parlaments und über zwei Jahrzehnte lang Botschafter der Türkei in Europa war (1934 - 1955), und nicht zuletzt seine Einstufung als "Nationalautor", haben offenbar eine ganze Reihe von Vorurteilen und Ressentiments gegen ihn und seine Kunst genährt. So wurde er zu Lebzeiten von vielen Kritikern mindestens mit verbissener Nichtbeachtung gestraft.

 Aus der Perspektive der historischen Zeit gesehen, steht der Roman Bir Sürgün (1937) an zweiter Stelle der neunteiligen Reihe: er spiegelt die späten Auswirkungen der Zeit nach dem Reformerlass des Sultans Abdülmecid von 1839, genauer die Phase der Jungtürkenherrschaft, II Meşrutiyet genannt (II konstitutionelle Phase), wider. Dieser Roman ist gleichzeitig eine systematische Abrechnung mit der westlichen Zivilisation, von der Yakup Kadri in vielerlei Hinsicht enttäuscht wurde. (Immerhin lebte er bis zu diesem Zeitpunkt bereits mehrere Jahre in Paris und in Zürich, kannte Europa sehr gut.)

Im Folgenden die Zusammenfassung des Romaninhalts:

Bir Sürgün spielt in den Jahren 1904/1905. Doktor Hikmet (im Folgenden D.H.), ein 27 Jahre alter, belesener und gebildeter türkischer Arzt, wurde aus nichtigen Gründen nach Izmir verbannt. Sein Vater, ein Vertrauter des früheren Sultans Murad, der inzwischen in Ungnade gefallen ist, lebt seit dreißig Jahren mit seiner Frau völlig zurückgezogen in Istanbul. D.H. führt in Izmir als Arzt ein eintöniges aber recht bequemes Leben, widmet sich in seiner freien Zeit ausländischen Zeitschriften und Zeitungen aus dem Westen. Eines Tages flieht er völlig unvermittelt mit einem französischen Schiff nach Marseille und gelangt von dort nach Paris. Bereits beim Einschiffen wird er mit einem wohlhabenden, aber überraschend kaltherzigen, Türken gegenüber zutiefst hasserfüllten Menschentyp aus Westeuropa konfrontiert: Mit Menschen aus der „gebildeten“ europäischen Oberschicht, die zwar den Orient bereisen, aber die dennoch voller Abneigung sind und Reden gegen das Osmanische Reich halten. Schon während der Reise wird D.H. wie ein Aussätziger behandelt und gemieden, was er noch - naiv und gutmütig - auf sein etwas derangiertes Erscheinungsbild zurückführt. Doch diese Ablehnung wird ihn die ganze Zeit begleiten.
Unterwegs schon begegnet ihm der erste "Jungtürke" im griechischen Hafen von Piräus, in der Gestalt von Cemal, der in Wirklichkeit ein kleiner Gauner ist.

Obwohl D.H. sich in Piräus neu einkleidet, wird er auf dem Schiff weiterhin nicht beachtet. In Paris erlebt er in den ersten Tagen ähnliches: Isolation durch Nichtbeachtung. Er versucht daher Kontakt zu anderen Türken herzustellen, ohne Erfolg. Doch als er in einem Café einen Brief an seine Eltern schreibt, spricht ihn endlich ein Türke, Ragip Bey, an, weil er sieht, dass er von rechts nach links, also osmanisch, schreibt. Mit und durch diesen aus Mittelanatolien stammenden Mann einfachen Gemüts lernt er die Pariser Jungtürken kennen, mit denen er aber keine nähere Beziehung aufbauen kann. In zwei gegnerische Gruppen gespalten und bereits im Machtkampf befindlich, ergehen sich diese nur in unproduktiven Diskussionen. Ragip Bey will D.H. helfen und stellt ihn deshalb einem berühmten französischen Arzt vor. Doch dieser zeigt nicht nur keine Bereitschaft zu helfen, er verhält sich ihm gegenüber überheblich und diskriminierend, hat selbst allerdings die Manieren eines ungebildeten Parvenüs. Bei einer anderen Gelegenheit nimmt Ragip Bey D.H. mit zu einem Empfang der Duchesse d´Urat. Hier werden beide Türken wie Exoten behandelt, doch während den sensiblen D.H. diese Situation kränkt, merkt Ragip Bey nichts von dem Spott und dem Zynismus der edlen Gesellschaft.

Der junge Arzt lebt in Paris stets am Rande der Gesellschaft, einsam und unverstanden. Da D.H. keine Briefe per Post an seine Eltern schicken kann, korrespondiert er über seinen früheren Französischlehrer und dessen Freund in Paris, einen "Dichter" namens Lavalière. Als dessen Familie erfährt, dass D.H. ein reicher Osmane ist, wird er von der Mutter und der Tochter Arlette umworben. Im Hintergrund werden hinterlistige Heiratspläne geschmiedet. Mit der Zeit überwindet D.H. allmählich seine Depressionen und bewegt sich in Studentenkreisen, da er trotz seines Diploms und ärztlicher Approbation erneut studieren muss, um seinen Beruf als Arzt ausüben zu dürfen. Franzosen akzeptieren ihn nicht, nur unter russischen Revolutionären findet er einen gewissen Zuspruch, doch mit deren Ideen kann er sich nicht anfreunden. Arlette, die Tochter Lavalières, drängt sich währenddessen immer mehr in sein Leben und er schwankt jetzt zwischen einem beinahe Glücksgefühl und einer leidvollen Zerrissenheit, wegen der eiskalten Verlogenheit des Mädchens, das einen heimlichen Liebhaber hat. Um diese Zeit bricht seine Krankheit aus und er ist sich schnell über die Tragweite im Klaren: Er hat Tuberkulose. Bei dieser Gelegenheit lernt er Dr. Pienot kennen, der ihm als einziger wirklich helfen wird, der einzige ist, der ihn versteht, der mit ihm eine gemeinsame Gefühlsbasis hat und der einer warmherzigen Kommunikation fähig ist. Als einziger ist dieser Mann kein Christ und kennt jenes andere Gesicht Europas, dem auch D.H. gegenübersteht. Noch erhält D.H. Geld vom Vater, so dass er an eine Kur in Südfrankreich denken kann. Vor seiner Abreise will Arlettes Mutter die "Beziehung" zwischen den jungen Leuten "klären". Jetzt erst merkt D.H., dass er Opfer eines ausgeklügelten Komplottes wurde und Arlette ihn überhaupt nicht liebt. Er reist daraufhin unvermittelt ab. Eine Korrespondenz mit Arlette öffnet ihm die Augen endgültig, auch über die Seichtheit, Unaufrichtigkeit und Geldgier dieser jungen Frau. Doch noch immer liebt er sie und macht sich Hoffnungen. Er reist wieder nach Paris. Dort erwartet ihn nun ein Brief, aus dem er die ihm lange vorenthaltene Wahrheit erfährt, dass nämlich seine Familie finanziell ruiniert ist. Durch eine geringfügige Hypothek hat ein Geldhai das väterliche Schloss erschwindelt und stellt sogar noch weitere Geldforderungen, so dass die Eltern bereits alles veräußern mussten. Die kleine Rente des Vaters muss von nun an die ganze Familie über Wasser halten. Diesmal ist dem Brief kein Scheck beigefügt. D.H. geht in seine Wohnung, noch in Begleitung von Arlette. Dort taucht aber sein Vermieter auf und fordert die ausstehende Miete. D.H., dem dessen dreiste Verhandlungsart nicht erträgt, gibt sofort auf, hinterlässt sogar seine Möbel, sein ganzes Hab und Gut und geht. Arlette, die nun weiß, dass seine Familie verarmt ist, geht ohne ein einziges Abschiedswort. D.H., der nun wieder fiebert und dessen Krankheit in die letzte Phase eintritt, zieht in ein schäbiges Hotel. Wieder ist es der jüdische Arzt, Dr. Pienot, der einzige, der ihm hilft, ihn zu sich nimmt und ihn ohne die Erwartung einer materiellen Gegenleistung bis zu seinem Tod pflegt.

In dem in Ansätzen romantisch gestalteten Roman Bir Sürgün hat Yakup Kadri Karaosmanoğlu auch viele autobiographische Erlebnisse verarbeitet. Handlung, Haupt- und Nebenfiguren haben größtenteils reale Vorbilder, zum Teil wurden nicht einmal die Namen nicht geändert. So begegnen uns einige Jungtürken, wie Prinz Sabahattin, Ahmet Rıza Bey, Ragıp Bey, und auch der Literat Samipaşazade Sezai im „Original“. Unter den russischen Revolutionären hingegen begegnen wir Lenin unter dem Namen Morotof. In der Figur Doktor Hikmets sind viele Eigenschaften des Autors wieder zu erkennen, aber einige Details sind eindeutig seinem engen Freund, dem als sehr begabt geschilderten politischen Journalisten und Polemiker Şehabettin Süleyman (1885 – 1921), zuzuschreiben. Şehabettin Süleyman, der Yakup Kadri während des Kuraufenthaltes in der Schweiz besucht hatte, verstarb dort unerwartet an Influenza (während der Epidemie der Spanischen Grippe). An Tuberkulose erkrankt war dagegen Yakup Kadri selbst (seit 1912) und verlor sogar einen Lungenflügel. Ebenso war er ein sensibler, sehr belesener junger Mann, etwas schüchtern, gefühlsbetont und mystisch veranlagt, las die auch im Roman genannten ausländischen Zeitschriften im gleichnamigen Café in Izmir.

Die Zeit, die als "Kulisse" im Roman nicht real gewählt ist - durch eine offene Nennung wird auch eindeutig auf den Anachronismus hingewiesen -, spielt in der türkisch-osmanischen Geschichte eine wichtige Rolle: Es ist die Vorbereitungsphase der bürgerlichen Revolution der Jungtürken von 1908, die größtenteils von Paris aus geplant und organisiert und von Frankreich, aber auch von anderen europäischen Ländern, unterstützt wurde. 1904/1905 lebte der Autor selbst in Izmir. So wie Doktor Hikmet im Roman empfand Yakup Kadri diese Stadt ebenfalls als langweilig, stinkend und beengend. Auch er träumte davon, Paris zu sehen.

Paris ist aus vielen naheliegenden Gründen als Schaubühne des Romans gewählt worden: Es ist das Symbol westlicher Kultur, der Traum vieler intellektueller Osmanen (und Türken), Hauptstadt der Zivilisation, Schauplatz der Literatur jener Zeit schlechthin; dort spielen nicht nur französische Romane, auch in der Literatur anderer Länder ist diese Stadt das Objekt der Sehnsüchte für Dichter, Künstler und Boheme. Paris war und ist Zufluchtsort für politische Flüchtlinge, allem voran aber gilt Paris als die Stadt der Liebe. Dort also sind theoretisch alle Voraussetzungen "optimal". Paris als Ort zu wählen erscheint geradezu unausweichlich.

Der Roman ist um die Figur Doktor Hikmets, nach den Regeln des klassischen Romans aufgebaut. Doktor Hikmet, der den Typus des westlich orientierten, europaverliebten osmanischen Intellektuellen verkörpert, flieht nach Paris, an den symbolischen Ort also, in die Hauptstadt der westlichen Kultur. Er durchlebt dort Stufe für Stufe ein persönliches Scheitern, das nur innerhalb der Koordinaten einer kapitalistischen Gesellschaft in dieser Form und in dieser Intensität möglich ist. Darauf wird im Roman an vielen Stellen deutlich hingewiesen. Doktor Hikmet bietet als vielseitiger, tief fühlender und gebildeter Mensch mit feinem Charakter und empfindlichem Wesen die bestmögliche Reflexionsebene, auf die beide Dimensionen, beide Welten - Ost und West - in ihren entgegengesetzten Eigenschaften aufeinandertreffen. Sie werden als Gedanken- und Gefühlsbilder dargestellt, die ihr Wert und ihre Gültigkeit im Bewusstsein Doktor Hikmets allmählich verändern und nach und nach eine illusorische Gestalt annehmen: Die realen Eindrücke aus dem "Westen" machen die zarten, mystischen Erkenntnisse, die Innenwelt des "Ostens" Schritt für Schritt, aber systematisch und erbarmungslos, zunichte. In den Gefühlsreflexionen D.H.´s ist die - hauchzart mystisch-missionierende - Aussage des Romans eingewebt und diese Bilderreihe ergibt zugleich die zweite, jedoch eigentliche, "innere" Struktur des Romans - im Gegensatz zu der Ereigniskette, die eine „äußere“ Struktur bildet.

Die Eindrücke D.H.s - in seinem Erleben sichtbar gemacht, als seine Gefühle, seine Gedanken, seine Reaktionen - haben die Funktion eines sehr fein gewebten Filters. Der Leser kann durch sie, distanziert, seine Wirklichkeit wahrnehmen und nachvollziehen. Darin spiegelt sich Doktor Hikmets persönliche Wahrnehmung Europas als eine sich von der orientalisch-mystischen Sphäre stark unterscheidende Welt. Die Kritik, die in dieser Bilderreihe immer eindringlicher wird, ist die Erfahrung Doktor Hikmets, also relativiert und relativierbar. Trotzdem sind diese Erfahrungen nicht eine auf seine Person beschränkbare Realität, sondern erlangen universale Gültigkeit. Yakup Kadri - der Diplomat im Literaten - demontiert Schritt für Schritt, beinahe latent, das selbstherrliche Bild des zivilisierten, kultivierten Europas so geschickt, dass dieser Prozess von der türkischen Kritik offensichtlich unbemerkt bleiben konnte. Dies tat er - ähnlich wie seine Romanfigur - auf der Basis seines fundierten Wissens und seinen eigenen Erfahrungen, also in Kenntnis sowohl der westlichen als auch der östlichen Kultur. Er agitiert nicht gegen oder für eine bestimmte Kultur, sondern fügt glaubhaft Aussagen, Ereignisse und Bilder aneinander, aus denen - wie eine dunkle Ahnung - ein bedrohliches Unbehagen emporsteigt.

Die erste Begegnung D.H.´s mit diesem Unbehagen, auf dem Schiff von Izmir nach Marseille, ist in der Bemerkung eines französischen Passagiers ausgedrückt. Dies zeigt bereits offen und deutlich, welche Haltung einem Türken in Europa entgegentritt:

"Schande über uns, Schande über uns Zivilisierte“, sagte er, „dass wir vor der Nase Europas noch immer die Willkürherrschaft dieser Barbaren walten lassen und nicht in der Lage sind, diese in die Steppen Asiens, wo sie hergekommen sind, zurück zu jagen."

Einerseits ist Doktor Hikmet Auslöser dieser und ähnlicher Gedanken und Aussagen bei den Europäern, zugleich ist er in den darauf folgenden Situationen eher Objekt der Handlung als Subjekt. Er ist eher passiv, erduldend, erleidend, also kaum aktives, gestaltendes Subjekt. Er ist Teil einer untergehenden Welt (des Osmanischen Reiches), und führt als Mitglied der Oberschicht ein Leben in Luxus. Aber es ist auch seine mangelnde Entschlossenheit, sich und seinen Status, seine Herkunftskultur zu leben und zu verteidigen, spürbar. Dies wird ihm jedoch erst aus der Distanz und nach dem Verlust seiner Heimat bewusst. In seiner Phantasie war Paris ein Ort, an dem sich Zeiten und Symbole treffen, ein Garten Semiramis, eine wohlige Fiktion. Dort sind die Häuser nicht als Schutz vor Witterung erbaut, sondern Ausdruck eines kultivierten, schöpferischen Geistes; sie sind allesamt Heiligtümer, in denen göttliche Wesen wohnen. (S. 114) In Wirklichkeit aber ist Paris eine Stadt, über die ein heimtückischer, unsichtbarer Regen niedergeht, deren Luft von einem klebrigen Ruß vernebelt ist, in ein Halbdunkel gehüllt und von einem dauernden, nervenden Dröhnen erfüllt - wie er dort erkennen muss. Diese Stadt - Symbol westlicher Zivilisation - wirkt in der Realität existentiell bedrohlich. (S. 118) Parallel zu dieser Wirklichkeit, die ihn einholt, erkennt er auch die Situation, in der er sich befindet, die er jedoch nicht selbst verursacht hat, deren Determinante er nicht ist, nie war:

"Seit dem Tag, als ich nach Paris kam, leide ich am meisten unter der Herzlosigkeit ... nur unter der Herzlosigkeit. Wenn ich eines Tages hier sterben werde, suchen Sie den Grund dafür weder in den Entbehrungen noch in meiner Krankheit! Seien Sie sicher, ich sterbe an dieser Herzlosigkeit."

Während er auf der einen Seite das Wesen der westlichen Zivilisation darin erkennt, dass diese materielle Güter anstrebt und die Spiritualität vernachlässigt, erkennt er auf der anderen Seite die Unmöglichkeit seiner eigenen, idealistischen Erwartungshaltung. Diese doppelte Reflexion stellt zwar die Kultur östlicher Mystik auf eine höhere Wertestufe, gleichzeitig wird jedoch klar, dass eine herzliche Lebensart nicht mit den Werten der Industriegesellschaft in Einklang zu bringen ist:

"Während ich Ihnen das erzähle, ist mir gleichzeitig bewusst, wie lächerlich ich wirken muss. Denn ich spreche aus dem Herzen. In dieser Stadt hingegen betrachtet man einen Mann mit Herzen lediglich als eine lächerliche Kreatur. [...] Weil sie nie gelernt haben mit dem Herzen zu leben, mit dem Herzen zu sehen und zu verstehen. Das ist nicht ihre persönliche Schuld. Sie sind in einer solchen Umgebung geboren und aufgewachsen, in der nur dem nüchternen Vernunft Platz eingeräumt wird und das arme Herz nur ein anachronistischer, oder aber ein exotischer Gegenstand ist."

Das ist die Kernaussage des Romans. Sie führt die westliche Welt auf ihr erkennbares Wesen zurück. In dieser Erkenntnis schwingt die einzig mögliche (romantische) Lösung mit, dass Doktor Hikmet nämlich diesen essentiellen Gegensatz zwischen West und Ost mit seinem Leben wird ausgleichen müssen. Sein Scheitern ist zugleich die romantische Vorstellung der vollkommenen Vernichtung Aufgrund einer unerfüllten Liebe. Scheitern und Tod sind in diesem Abschnitt schon vorweggenommen und sie werden durch den Gegensatz „Mystik-Realität“ nicht ausgeglichen werden können. Den Sieg trägt jene Gesellschaftsform davon, die den Menschen benutzt und nach den materiell definierten Bedürfnissen formt:

" ... Und ich bedauere Sie. Denn Ihr ganzes Leben ist so leer, so wertlos, von solch künstlichen Fiebern aufgezehrt ... Und doch sehe ich, dass Sie nicht anders leben können. In dieser Gesellschaft ist jedes von der Seele unberechenbar geführtes Leben dazu verdammt, zu scheitern. [...] Deshalb gehen Sie alle zwangsweise jenen Weg zu Ende, der vom Schicksal vorgezeichnet wurde, individuell wankend, wie ein Seiltänzer, immer argwöhnisch und allerlei Vorsorge treffend und ständig in Angst - Recht haben sie ja - leider ..."

Dieser Dualismus von Mystik-Realität wird auf allen Ebenen im Roman deutlich: So wie der Westen dem Osten gegenübersteht, so besitzt jede Figur ihren Gegenpart. Doktor Hikmet hat seinen Gegenpart in der Figur von Ragıp Bey, die Eltern Arlettes in den Eltern Doktor Hikmets, Arlette in Albert (ihr Bruder), Dr. Pienot in Dr. Froissard. Bei all diesen Gegenüberstellungen scheitern ausnahmslos die Guten, sei es, durch unverschuldete Verarmung, sei es, dass sie gezielt ruiniert werden, oder aber ihre wohlverdiente Karriere verhindert wird. Sie werden an den Rand der Gesellschaft gedrängt oder müssen sogar sterben. Die Gemeinen hingegen finden stets einen Weg, ihr Überleben zu sichern, denn sie scheuen nie davor zurück, andere auszunutzen, zu betrügen, zu stehlen, zu lügen, sich zu verstellen und zu intrigieren. Augenfällige Besonderheit bei alledem ist: Die Darstellung von Gut und Böse, die Betrachtungsweise ist eine christliche, dem Islam fremde Annäherungsweise. Yakup Kadri gibt nicht nur in diesem Roman einer christlichen Weltanschauung Ausdruck, die aus seiner katholischen Erziehung in einer französischen Ordensschule resultieren dürfte.

Im Gegensatzpaar Doktor Hikmet - Ragıp Bey verdeutlicht der Autor einen interessanten, aber bedenklichen Aspekt: Der unsensible, ungebildete Ragıp Bey scheint die unfreundliche Gesinnung seiner französischen Umgebung nicht zu erkennen (und wenn, dann setzt er sich darüber leicht hinweg). Insbesondere registriert er seine eigene Verspottung und Erniedrigung nicht. Diese Grobheit seines Charakters ermöglicht ihm jedoch ein recht gutes Leben, sogar den unbeschwerten Zugang in die höchsten Kreise der französischen Gesellschaft. In einer Szene, während eines Empfanges im Hause der Duchesse d`Urat, wird diese Tatsache auf doppelt sarkastische Weise reflektiert und vor Augen geführt:

"Doktor Hikmet kam sich vor, als wäre er versehentlich hinter die abgesperrten Gittern eines Tiergartens geraten, die für das Publikum nicht übertretbar war. Hier gab es allerlei Vögel, Affen, Giraffen, Kängurus oder fuchsähnliche Kreaturen und sie reihten sich um ihn, mal schlichen sie eng an ihm vorbei, mal bäumten sie sich in zwitschernden Scharen vor ihm auf, als wollten sie seinen Weg abschneiden. [...] Währenddessen entging ihm keineswegs jene listige Verstimmung, die er um sich entfesselt hat. Als er versehentlich auf den Fuß eines Mannes mittleren Alters in silbernem Redingot trat, wandte dieser sich mit erlesener Höflichkeit um und sagte:

"Pardon Monsignore ..."

(Warum sagte er Pardon?)

Als ein anderer Herr, ihn mit einer Schulterbewegung beiseite schiebend, an ihm vorbeigehen wollte, machte er diesem mit einer halben Verbeugung den Weg frei, und dieser murmelte: "Ich bitte Sie, mein Herr ..."

Eine ältere Dame, mit der er zusammenprallte, wich zurück und starrte ihn durch ihr Lorgnon endlos lange an.

(Wer musste in dieser Situation um was bitten?)

.............................................................

[Nachdem Doktor Hikmet durch Ragıp Bey der Gesellschaft vorgestellt wurde]

"Ach, ist Ihr Freund tatsächlich ein Türke, Monsieur? Aber das ist unmöglich! Sie haben aber übertrieben, nicht wahr!? Das kann unmöglich sein, wirklich! Schauen Sie nur, er unterscheidet sich in nichts von uns ..."

Und je mehr sie insistierten, umso zufriedener grinste Ragıp Bey:

"Was haben Sie denn gedacht, wa`?; natürlich, wir Türken sind alle so ..."

Dann fügten sie, mit einem im Augenwinkel aufleuchtenden zynischen Lächeln hinzu:

 

"Was Sie betrifft, Sie sind einzigartig auf der Welt, einzigartig ..."

Ragıp Bey merkte den diskreten Spott in diesen Worten nicht, sagte "Danke, Sie sind bezaubernd" und wandte sich anderen Gästen zu."

Doktor Hikmet erlebt in Paris - mangels einer Anerkennung seiner Person, seiner Identität - parallel zu seinem gesellschaftlichen Scheitern, auch eine Auflösung aller Werte, an die er geglaubt hat, die seine Persönlichkeit ausgemacht haben. Er betrachtet die Ruinen seines Lebens schmerzvoll und zugleich etwas zynisch, gelangt aber zu Erkenntnissen, die man durchaus als global begreifen kann:

"Zivilisation! Aber welche? [...] Denn für Doktor Hikmet war mittlerweile der Begriff "Zivilisation" nicht mehr mit den Worten "Gutes", "Aufrichtigkeit", "Schönheit" und "Fortschritt" identisch. Seiner Ansicht nach ist "Zivilisation", die Lebensform eines Volkes, die zu einer bestimmten Zeit, entsprechend seinem Charakter und seinen Bedürfnissen, den Gegebenheiten des jeweiligen geographischen Lebensraumes entsprechend, in langer Zeit entwickelt wird. In China gibt es Paläste aus Holz, hier gibt es Gebäude aus Stein. Beweist man damit die Minderwertigkeit der chinesischen Zivilisation der französischen gegenüber? [...]

Doktor Hikmet konnte mittlerweile den Anspruch der Europäer, sie seien das Musterbeispiel der vollkommenen, der vorzüglichsten Menschen der Welt, nicht mehr akzeptieren. Sie (die Europäer) betrachteten sich als die einzigen Erben der zwei großen Zivilisationen der Antike - der griechischen und der lateinischen Zivilisation also. Mein Gott! Waren sie nicht jene nordischen Barbaren, die Rom dem Erdboden gleichgemacht haben, die keinen Stein auf dem anderen stehen ließen? Ein jüngeres Beispiel: Haben nicht venezianische Piraten das Werk griechischer Kunst, griechischen Genius, das Parthenon, mit Artilleriefeuer angegriffen? [...]

Wie lange könnte Athenea den stacheligen, respektlosen Geist eines Parisers verkraften?"

Am Ende des Romans ist doch ein gewisser Ausgleich hergestellt, der sich durch den ganzen Roman schon abgezeichnet hatte: Nannte zu Beginn des Romans ein französischer Passagier die Türken Barbaren - ohne einen konkreten Grund dafür zu haben -, kommt Doktor Hikmet durch seine Erlebnisse vor seinem Tod zu dem Schluss, dass die Franzosen - die Europäer schlechthin - keinen Deut besser sind. Seine Beweisführung mündet in der endgültigen, eigenen Vernichtung – symbolisch ist das die Vernichtung der Kultur des Ostens -, nämlich im Tod. Die dunkle Vorahnung findet ihre unausweichliche Erfüllung: Doktor Hikmet wird in Paris als Werteträger einer anderen Welt vernichtet, bevor er den eigentlichen, den körperlichen Tod erfährt.5

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