Tanpinars Harmonie
türkische Literatur: Beatrix Caner, Tanpinars Harmonie

Beatrix Caner:

Tanpınar’s Harmonie. 
Der Höhepunkt der
türkischen Moderne 

Monographie.

355 Seiten, gebunden

EAN 978-3-00-0284359
Auslieferung über den 
Literaturca Verlag

28,00 EUR

Die Monographie über Ahmet Hamdi Tanpınars Roman “Huzur” - Harmonie bietet eine umfassende Analyse des Werkes, daneben eine ausführliche Biographie des Autors und die Rekonstruktion seines künstlerischen Weges. Eine ausführliche Bibliographie rundet die Monographie ab.


© Beatrix Caner

TANPINAR und der Zweite Weltkrieg:

žWenn die Welt sich häutet,
werden die Ereignisse unausweichlich.

Albert Sorel

Genau genommen ist der Roman Huzur nicht nur ein Antikriegsroman, sondern dezidiert auch ein Roman gegen den Faschismus, denn er ist bemüht, den Weg der Etablierung und die Auswirkungen eines solchen Systems aufzuzeigen. Erst wenn man den Roman in diesem Zusammenhang betrachtet, wird dessen Aussagesubstanz in den richtigen Dimensionen erscheinen.

So gesehen gehört Huzur seinen schreibtechnischen Charakteristiken nach bereits in die Kategorie jener Antikriegsromane, die nach dem Zweiten Weltkrieg aus der Protesthaltung und der Enttäuschung vieler Literaten entstanden. Tanpınar war trotzdem auch ein später Vertreter jener Literatur um die Jahrhundertwende des 20. Jahrhunderts, die auf Ästhetik und Form viel Wert gelegt hat, die für sich die Klassik als Maßstab nahm, und die mit dem Zweiten Weltkrieg endgültig aufgehört hat zu existieren. Huzur trägt auch eine ganze Reihe autobiographischer Züge, verarbeitet Schlüsselerlebnisse des Autors aus der Kindheit und Jugend, aber auch seine Ideale und Überzeugungen, für die er eintrat. So ist der Roman beispielsweise auf eine subtile Art und Weise von direkter Gewalt, von dem Grauen des Krieges frei gehalten. Er ergeht sich nicht in der Darstellung brutaler Szenen. Der Krieg, das Leiden, die Erschütterungen durch Schicksalsschläge, ob persönliche oder gesellschaftliche, werden lediglich in den emotionalen und gedanklichen Reflexionen der Figuren, in erster Linie und explizit in denen Mümtaz’, der Hauptfigur, geschildert. Aber diese höchst präsente Wirklichkeit des Krieges, die ausschließlich atmosphärisch ist, diese subtil konkrete Bedrohung ohne blutige Kriegsinszenierungen, die sich so unmittelbar auf das Leben von Mümtaz auswirken, und die er so eindrucksvoll in sein Innenleben integriert, machen den Roman in Ansätzen zu einem Künstlerroman, wie es ihn in der türkischen Literatur höchst selten gibt.

.......

“Es war ein sonderbarer Morgen. Man trat stumm vom Radio zurück, 
das eine Botschaft in den Raum geworfen, die Jahrhunderte überdauern sollte, 
die bestimmt war, unsere Welt total zu verändern und das Leben jedes einzelnen von uns.
Eine Botschaft, in der Tod für Tausende unter jenen war, die ihr schweigend gelauscht, 
Trauer und Unglück, Verzweiflung und Drohung für uns alle und vielleicht nach Jahren 
und Jahren erst ein schöpferischer Sinn. Es war wieder Krieg, ein Krieg, furchtbarer 
und weit ausgreifender als je zuvor ein Krieg auf Erden gewesen. 
Abermals war eine Zeit zu Ende, abermals begann eine neue Zeit.”
Stefan Zweig: Die Welt von Gestern

Tanpınar beginnt den Roman Huzur mit einem Satz, der in diesem Zusammenhang signifikanter nicht sein könnte: "An diesem Morgen Ende August..." - steht die Welt an der Schwelle eines Krieges.
Es wird ein Krieg werden, der das Schicksal der gesamten Menschheit in andere Bahnen lenken wird. Es wird ein Tag werden, der für die ganze Welt von Bedeutung sein wird. Bedarf diese allgemeingültige Erkenntnis einer besonderen Erklärung?
Jenseits aller literarischen Finessen hat dieser Zeitrahmen des Tages “31. August 1939” -  der Ausbruch des Zweiten Weltkrieges - auch in der Realität eine symbolische Kraft, die für sich spricht, die im 20. Jahrhundert von keinem anderen Ereignis, keinem anderen Datum in den Schatten gestellt wurde. In keinem anderen Zeitrahmen hätte Tanp
ınar das, was er sagen wollte, besser zum Ausdruck bringen können. All die Leiden eines jungen türkischen Intellektuellen, die Krankheit eines alternden Wissen-
schaftlers, die Ängste und Krisen einer im Aufbruch befindlichen Gesellschaft hätten an keinem anderen Tag jene verhängnisvollen Dimensionen haben können. Sie würden larmoyant und banal, unleidlich und vielleicht sogar albern wirken. An diesem Tag jedoch sind sie in das Weltgeschehen eingebunden, sind Teil eines alles beherrschenden Lebensgefühls und diese Eingebundenheit in die Welt geschieht wie von selbst.