Stehlen Sie dieses Buch!
türkische Literatur: Murat Gülsoy, Stehlen Sie  dieses Buch!

Murat Gülsoy:
Stehlen Sie dieses Buch!

Erzählungen


deutsche Erstausgabe
Reihe türkische Literatur


Aus dem Türkischen und Nachwort:
Beatrix Caner

220 Seiten
gebundene Ausgabe
ISBN
 978-3935535151

16,50 EUR

Der unvergessene Kritiker LUTZ BUNK über dieses Buch:

Herrlich vertrackte Geschichten © - ALLE RECHTE VORBEHALTEN

Seine Internet-Rubriken gehören längst zum Kultprogramm der türkischen Internet-
Generation. Nun hat Murat Gülsoy einen Erzählband herausgebracht, bei dem schon der Titel neugierig macht: "Stehlen Sie dieses Buch!" enthält zwölf Geschichten mit überraschenden Wendungen, herrlich vertrackt und immer spannend.

Durch die Verleihung des Literaturnobelpreises 2006 an Orhan Pamuk ist auch das Interesse an türkischer Literatur im Allgemeinen geweckt worden.

Einer der türkischen Schriftsteller, der in Frankfurt sein wird, ist Murat Gülsoy. Er war bisher in Deutschland vollkommen unbekannt. Zum ersten Mal ist jetzt eins seiner elf Bücher ins Deutsche übersetzt worden, ein Band mit zwölf Erzählungen, - sein Titel: "Stehlen Sie dieses Buch!"
Literatur-Insider kommen nun bei diesem Titel ins Grübeln, denn es gab in den 70er Jahren schon einmal ein Buch mit eben diesem Titel, noch dazu ein Buch mit Kult-Status. Der Amerikaner Abbie Hoffman überschrieb so seinen Anarchisten-Leitfaden, unter anderem zum Anbau von Marihuana, - übrigens das Lieblingsbuch von Großmutter Mona Simpson in den Simpsons-Cartoons. 
Allerdings bietet Autor Murat Gülsoy dem Leser keinen Anarchisten-Leitfaden zum Anbau von Marihuana, sondern eher einen anarchisch-postmodernen Leitfaden für Schriftsteller. Murat Gülsoy, Jahrgang 1967, begann seine literarische Karriere als Internet-Schriftsteller ohne Print-Ambitionen, und seine Internet-Rubriken gehören auch heute noch zum Kultprogramm der türkischen InternetGeneration.
Dem Buchmarkt musste er sich nie andienen, denn Murat Gülsoy übt neben seiner Arbeit als Schriftsteller auch weiterhin seine drei Brotberufe aus: einmal als Ingenieur der Biomedizin, dann als Universitätsdozent für das Studienfach "Kreatives Schreiben" sowie als Diplom-Psychologe.
In seinem literarischen Werk stellt Gülsoy immer wieder eine psychologische Grundfrage: Was ist Realität und was Projektion? Was löst zum Beispiel ein Buch mit dem Titel "Stehlen Sie dieses Buch!" im Kopf eines Buchhändlers, eines Verlegers, eines Autors oder eines Kunden aus?
Behutsam setzt Gülsoy ein vielschichtiges Mosaik der Wirklichkeit zusammen.
Stilistisch erinnert Murat Gülsoy an die fantastischen Geschichten Ray Bradburys. Gülsoy erzählt immer überraschend: ein "Alice-hinter-den-Spiegeln"-Vergnügen zwischen Kafka, Krimi und Sigmund Freud, immer spannend, immer handwerklich perfekt und dabei oft auch sehr komisch.
Beispielsweise, wenn sich einer in eine attraktive Betrügerin verliebt, die ihm weismacht, sie sei verrückt, und er müsse sie heilen. 
Gülsoys Kernthema ist der Schriftsteller beziehungsweise die Literatur-Wirklichkeit selbst, das heißt die meisten der zwölf Geschichten des Erzählbandes haben Schriftsteller und Bücher als Hauptfiguren, postmodern auch Metafiktion oder Intertextualität genannt. Dabei geißelt Gülsoy sowohl den Narzissmus der Autoren als auch die Manipulationen des Buchmarktes und die vermeintliche Objektivität der Kunstkritiker. 
"Stehlen Sie dieses Buch!" bietet herrlich vertrackte Geschichten, mal Krimis, mal surreal, mal 1001 Nacht, - oft mit einem kafkaesk-schwejkschen Humor: "Polizisten lieben es nicht, wenn man ihnen den Anfang eines Films erzählt", schreibt der Autor. Oder: "Es ist ein lobenswertes Verhalten, sich selbst ernst zu nehmen - andere respektieren einen oft allein schon deswegen, weil man den Mut dazu hat." Und, nicht zu vergessen: Gülsoys Sprache bietet große, poetische Momente: "… es war der salzige und heiße Geschmack einer Jugendliebe." 

Aus dem Nachwort:

"Was ist Schriftstellerei?"
Als Motto steht diese Frage am Anfang des einführenden Zitats und bildet nicht nur den Auftakt, sondern auch den Sinnrahmen dieses Erzählbandes. Murat Gülsoy gehört nämlich nicht zu jenen türkischen Literaten, die "die Realität unverfälscht wiedergeben", sondern zu jenen, die sich zuallererst Gedanken darüber machen, was Literatur ist. (...)
Bereits der Titel dieses Erzählbandes ist "ausgeliehen": von Abbie Hoffman: “Steal This Book”. Diese Art der Bezugnahme ist für Murat Gülsoy nicht nur typisch, sondern programmatisch. Er ist klug genug zu wissen, dass in der Literatur kaum Neues mehr gibt (geben kann), vielmehr die alten Mosaiksteine immer wieder neu zusammenge-
setzt werden (können / müssen). Die Frage ist also, wie man mit diesen "Mosaik-
steinen" umzugehen weiß. Oder wenn man den Titel wieder aufgreift, kann die Frage auch lauten, wie man aus anderen Büchern "stiehlt"?!