Wie ein Feuerball barst die Sonne über den Gipfeln der Tausend Bullen.
Und dann die Pferde ... Die Rudel der verwilderten Pferde... In gestrecktem Galopp stürmten sie heran, und im Dorf begann ein großes Freudenfest. Plötzlich wurden die Alten putzmunter, rannten wie die jungen Burschen den Pferden hinterher. Die Stalltüren wurden geöffnet und die Fohlen freigelassen. Ein wildes Rennen begann zwischen den verwilderten Pferden und ihren Fohlen. Hufgetrappel und Gewieher erfüllte das Dorf. Wer von den Alten sein Lasso gegriffen hatte, machte sich auf die Verfolgung der Pferde, die vom offenen Weideland zurückgekehrt waren. Mit Brüllen und lockenden Rufen hatten sie schließlich die Tiere mit ihren Füllen auf einem schlammigen, glitschigen Platz zusammengetrieben, und während die heimgekehrten Stuten ihre Fohlen beschnupperten und kosten, legten sich die Schlingen der Lassos um ihre Hälse. Die Pferde stiegen, schlugen aus, wurden schweißnass. Doch nach einer Weile beugten sie stumm ihre Nacken. Mit Hafer in den hohlen Händen näherten sich ihnen die Besitzer, kosten die Nüstern, küssten die Augen ihrer Pferde.
Plötzlich griff mir jemand unter die Achseln und hob mich auf einen Pferderücken. Das Tier wollte mich nicht, sträubte sich eine Weile, vor Angst zitterten meine Beine. Ich krallte mich in der Mähne fest. Doch unwillig bog das Pferd den Hals tief hinunter und schleuderte mich zu Boden. Ich fing an zu weinen. Da sprang Opa Damış herbei und brüllte den Mann an, der das Lasso hielt:
»Nimm den Jungen hoch, anstatt da herumzustehen und zu grinsen! Wann werdet ihr Dummköpfe endlich begreifen, wie man reiten lernt und lehrt, ha? Kann sich ein Kind jemals wieder ohne Angst auf ein Pferd setzen, wenn es nach einem Sturz nicht auf der Stelle wieder aufs Pferd gehoben wird, ha? Denkst du denn, ein Pferd merkt nicht, dass sein Reiter Angst hat? Nimm das Kind hoch, nimm es sofort hoch und setz es auf sein Pferd!«
Während der Mann mich auf das Pferd hob, stapfte Opa Damış durch den Schlamm herbei. Er packte mich am Bein und sagte:
»Hab keine Angst, mein Sohn, und hör auf zu zittern, wenn das Pferd merkt, dass du dich fürchtest, wirft es dich ab. Und ein Kabartayer, der sich nicht auf dem Rücken eines Pferdes halten kann, ist keinen Scheißdreck wert. Drück deine Beine zusammen und krall’ dich in die Mähne des Kameraden! Brüll ja nicht, sondern flüstere ihm schöne Dinge ins Ohr! Und denke nicht, dass er dich nicht versteht. Er versteht alles, was du ihm in unserer Sprache sagst. Denn Pferde sprechen tscherkessisch. So, und nun yallah!«
Dann gab er dem Pferd einen Klaps auf die Kruppe und sprang zur Seite.
Das Pferd scharrte, schlug aus, stieg auf die Hinterhand. Doch wie eine Klette klebte ich auf seinem Rücken. Ich hatte meine Angst überwunden. Aber ein Wort, das ich dem Pferd zuflüstern konnte, wollte mir nicht einfallen.
Opa Damış gab unentwegt Befehle, hielt lauthals gestikulierend eine Ansprache nach der anderen. Meine Ohren hingen an seinen Lippen, meine Fersen pressten sich in die Weichen des Pferdes. Der Mann, der das Lasso hielt, ließ immer mehr Leine, ich versuchte, das Ende der Wurfschlinge wie ein Halfter zu halten und damit das Pferd zu zügeln. Opa Damış brüllte:
»Na, endlich! .. Ja, so ist's richtig! Noch bevor das Pferd daran denkt, musst du schon wissen, was es vorhat. Du musst das Pferd führen, nicht umgekehrt! Wirst du es wohl nicht schlagen, du Dummkopf. Pferde schlägt man nicht! Gut gemacht, mein Kleiner. Sehr schön, wende ... drück den Kopf des Pferdes herum. Ja, gut so ... streichle seine Mähne ... Stoß ihm deine Fersen nicht so hart in die Flanken!«
Dann erzählte er, ohne uns aus den Augen zu lassen, den Männern, die bei ihm standen:
»Unsere Kinder lernen reiten, bevor sie laufen können, denn unser Volk und die Pferde sind stammverwandt. Habt ihr verstanden, ihr dummen Kerle?«
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Großmutter richtete ihre rotgeränderten blauen Augen auf die Tausend Bullen Berge und horchte in die Ebene. Ihre Augen sahen nicht mehr so recht. Sie erkannte die Menschen mehr am Geruch. Beschnuppern war ihre hervorstechendste Eigenschaft.
»Diesen Tick habe ich von deinem Großvater« sagte sie. Und dann erzählte sie verschämt und wehmütig lächelnd ihre Geschichte:
»Es war Nacht, eine dunkle, pechschwarze Nacht. Er sollte mich entführen, so hatten wir es abgesprochen. Doch ausgerechnet in jener Nacht hatten die Brüder meiner Mutter eine Hochzeit ausgerichtet. Sie dauerte bis Mitternacht, wir stellten uns oft gemeinsam zum Reigen auf, sprachen aber kein Wort miteinander, damit niemand misstrauisch wurde.
Mitten im Fest war er plötzlich verschwunden. Ich hielt immer wieder nach ihm Ausschau, konnte ihn aber nicht entdecken. Wie, wann und wo er mich mitnehmen würde, darüber hatten wir nichts vereinbart. Mein Herz pochte, ich hatte Angst.
Bevor der Morgen graute, war das Fest zu Ende. Dein Großvater blieb verschwunden. Meine Angst verwandelte sich in Wut, als ich ihn nirgends entdeckte. Er hatte mich erniedrigt, hatte mir sein Wort gegeben und war nicht gekommen. Alle Mädchen wurden in einem Raum untergebracht, wo auch ich schlafen sollte. Schließlich gehörte ich zu den Gastgebern. Zwei Dutzend Mädchen in einem großen Zimmer, auf aneinander gereihten Matratzen. Die Nacht war dunkel und kalt. Eng gekuschelt schliefen wir ein. Plötzlich beugte sich jemand über mich und verschloss mir mit der Hand den Mund. Dein Großvater!
Das Zimmer lag im zweiten Stock. Er hatte eine Leiter an die Hauswand gelehnt und war durchs Fenster eingestiegen. Den Riegel hatte er mit seinem Dolch hochgeschoben.
Ich war noch angezogen und folgte ihm wie ein artiges Kätzchen. Er hob mich hoch und trug mich über die Leiter hinunter. Dann sah ich das Pferd. Blitzblank gesattelt und gezäumt, schimmerte es in dieser dunklen Nacht wie der Mond. Glaub mir, noch nie hatte ich so ein schönes Pferd gesehen! Im nächsten Augenblick schon fand ich mich auf seinem Rücken wieder. Das Pferd scharrte noch unruhig auf der Stelle, als dicht neben mir Schüsse krachten. Und wie der Blitz jagten wir ins Dorf hinein. Die Schüsse hatten jeden Dörfler aufgeschreckt. Dein Großvater war's, der da feuerte.
Am Dorfrand zügelte er das Pferd, blickte zurück und brüllte:
»Na los, Männer vom Stamme der Besleneer! Holt mich doch ein und jagt mir euer Mädchen wieder ab!«
Dann schoss er die letzten Kugeln aus seiner Waffe in den dunklen Nachthimmel und ließ das Pferd ausgreifen.
Er jagte das Pferd so schnell durch die Dunkelheit, dass mir heute noch schaudert, wenn ich daran denke.
Der Ritt dauerte an. Erst als die Reiter hinter uns nicht mehr zu hören waren, fragte ich ihn, woher er das Pferd habe.
»Von den Russen«, antwortete er. »Von den Soldaten des Zaren. Sie lagerten in der Ebene, hatten dort ihre Zelte aufgeschlagen. Ich hatte nur Augen für das Pferd. Ein so edles hatte ich noch nie gesehen, und da fuhr ich zwischen sie, dass sie gar nicht wussten, wie ihnen geschah. Denn das Pferd musste ich haben! Beim ersten Hieb mit meinem Handschar fiel der Stallbursche, und den zweiten Pferdeknecht traf ein Querschläger. Erschießen wollte ich ihn bestimmt nicht, zahlreich wie Ameisen umringten sie mich. Doch ich durchbrach ihren Kreis. Die ganze Ebene war auf den Beinen. Sie dachten an einen Überfall und anstatt mich zu verfolgen, bliesen sie die Trompeten und eilten zu den Waffen. Dabei schrieen sie:
»Überfall! Überfall! Die Tscherkessen kommen, das Bergvolk kommt!«
Dein Großvater hielt das Pferd, noch immer im Galopp, sein Atem brannte in meinem Nacken, seine Arme umklammerten mich.
»Ich habe mit Absicht diesen Grauschimmel gewählt« lachte er. »Damit ihn die Russen und unsere Dörfler auch im Dunkeln ausmachen können, ich bin kein Dieb, sondern ein Verliebter. Also konnte ich dich nicht mit einem Pferd entführen, das schwarz wie eine Schlange ist, verzeih mir!«
Ich hatte Hemmungen und schwieg, schließlich war meine Neugier doch stärker, und ich fragte ihn:
»Wie konntest du mich denn in der Dunkelheit zwischen so vielen Mädchen erkennen?«
Er antwortete: »Ich erkannte dich an deinem Geruch.«
Danach sprachen wir nicht mehr.«


